Quantenverschränkung, kollektives Unterbewusstsein und anderes

Huuu, jetzt wird es mal ganz abgespaced! Ich hole die Theorie selten aus der Kiste, aber während meines Literaturstudiums habe ich mich mit vielen Dingen befasst, z.B. auch mit den Lehren von Freud und C.G. Jung. Für meinen Roman Die Angst im Spiegel habe ich einiges noch mal hervorgekramt und mich mit neuen Ideen beschäftigt, als da wären morphische Felder und Quantenverschränkung. Ich habe hier einen Auszug aus dem Roman, wo es um genau diese Dinge geht. Die kommen erst ganz am Ende der Handlung zur Sprache und sind unglaublich interessant, weil nicht erfunden, sondern wirklich existierenden Theorien folgend. Lest euch rein und versucht es zu erfassen, und vielleicht gebt ihr mir ein Feedback.🙂 Ich persönlich halte Die Angst im Spiegel für meinen bisher absolut besten Roman.

»Haben Sie den Begriff der morphischen Felder schon einmal gehört? Quantenverschränkung? Kollektives Unbewusstes?«

Corinna schüttelte den Kopf. Das alles verriet ihr nichts. Der Druck auf ihrer Brust ließ langsam nach.

»Sagen wir einfach, das Institut erforscht fachübergreifend Phänomene, für die es in der Wissenschaft bisher keine Erklärungen gibt, die aber unwiderleglich real sind. Unbekannte Kräfte, die Lebewesen, Geist und Materie beeinflussen.«

Der Mann wirkte nicht wie ein Wissenschaftler. Seine schwarze Lederjacke verbarg nicht, dass er einen durchtrainierten, muskulösen Körper besaß, und sein Blick war fest und unbeirrt, konnte einem Angst machen, wenn er es für nötig befand, ganz sicher.

»Das klingt reichlich mysteriös. Wie ist Achim auf Ihr Institut gestoßen?«

»Das spielt im Moment für Sie keine Rolle. Wichtig ist nur, dass wir an seinem Fall großes Interesse haben. Und damit auch an Ihnen. Nachdem er nun leider tot ist, gibt es nur noch Sie, die uns von den Erfahrungen berichten können.«

Corinna erstarrte. »Ich hoffe, diese Dinge liegen hinter mir, ein für alle Mal.« Sie sah den Mann eindringlich an. Er sollte sie endlich in Ruhe lassen, die Unterhaltung wühlte sie auf. Doch sie zögerte, es auszusprechen. Womöglich war er ihre einzige Chance, eine Erklärung zu finden. Unentschlossen wartete sie ab.

»Möglich. Aber nach allem, was wir wissen, könnte Ihnen das Gleiche erneut widerfahren, mit einer anderen Person.«

Sie wich zurück. »Das ist das Letzte, was ich möchte.«

»Darauf haben Sie keinen Einfluss.«

»Bitte, wenn Sie etwas darüber wissen, dann sagen Sie es mir. Ich möchte endlich verstehen, was zwischen mir und Achim vorgegangen ist.« Ihre Stimme hatte sich zu einem heiseren Flüstern verwandelt.

Der Mann sah sich um. »Eigentlich sollte ich Sie ins Institut bringen …«

»Bitte! Wie soll ich sonst beurteilen können, ob ich mit Ihrem Institut zusammenarbeiten will?«

»Meinetwegen.« Er holte tief Luft. »Die Wissenschaft ging bisher davon aus, dass sich das, was wir Seele nennen, in unserem Körper befindet, untrennbar verbunden mit der Physis, genau wie unsere Gedanken und unsere Gefühle. Das alles wird bedingt durch unser Gehirn und hält nur so lange an, wie ein Mensch lebt. Eine Theorie der morphischen Felder besagt nun aber, dass diese Teile von uns, nennen wir sie ein Echo, durchaus auch nach außen dringen können, sozusagen den Körper verlassen, auf die Umgebung außerhalb einwirken. Dieses Echo ist nicht so fest an den Körper gebunden, wie die Biologen gern behaupten. Wie sonst ließen sich beispielsweise außerkörperliche Erfahrungen erklären, übersinnliche Wahrnehmungen und dergleichen?«

Er schien eine Antwort zu erwarten und Corinna zuckte mit den Schultern. Sie konnte ihm nur schwer folgen.

»Es gibt die Theorie, dass Echos sich gegenseitig beeinflussen können. Natürlich nicht in extremer Ausprägung wie etwa ein Körpertausch. Nein, nur in leichter Form wie gemeinsame Gedanken, gleiche Träume, gleiche Emotionen oder Assoziationen. Viele Menschen erleben so etwas mit anderen und nennen es ‚auf einer Wellenlänge sein‘. Die Voraussetzung dafür ist eine starke Ähnlichkeit in der Beschaffenheit des Echos, dann kann es zu dieser Verbindung zweier Echos kommen, die gewissermaßen außerhalb der Körper stattfindet.«

»Das klingt doch ziemlich verrückt.«

»Ist es aber nicht. Das alles lässt sich sehr gut mit Versuchen und Tests nachvollziehen und vorführen.«

»Aber zwischen Achim und mir bestand keinerlei Beziehung, wir waren nicht auf einer Wellenlänge, wie Sie es nennen.«

»Das stimmt. Was Sie und Achim erlebt haben, ist ein Sonderfall, absolut einmalig, soweit wir wissen. Wenn Ihre Erfahrung mit der Achims übereinstimmt, dann haben Sie beide reale Erinnerungen ausgetauscht. Genauer gesagt, Kopien davon, Spiegelungen, oder wie immer Sie es nennen wollen, denn die betroffenen Erinnerungen sind ja nicht aus Ihrem Kopf verschwunden, sondern wurden nur als Abbild in den anderen übertragen. In Ihrer beider Fall genügte der kurze Augenblick der Begegnung, jedenfalls ist es das, was Achim erzählt hat. Sie seien in einem Supermarkt zusammengestoßen.«

Die Erkenntnis durchfuhr Corinna wie ein Blitz. Der Mann sagte, sie hätten beide Erinnerungen übertragen. Also hatte Achim auch ihre erhalten. Sie zitterte, zwang sich, ruhig zu bleiben. »Ja, stimmt, sind wir. Aber das war nur so kurz – diese Berührung und ein paar gewechselte Worte.«

»Ihre Echos fanden im jeweils anderen einen Spiegel, einen passenden Gegenpart. Sie befanden sich in ähnlichen Situationen, in einer ähnlichen Gemütslage. Wie genau die Erinnerungsübertragung stattfinden konnte, wissen wir noch nicht. Aber dass sie möglich sein könnte, haben wir bereits seit einiger Zeit angenommen. Dass Achim zu uns kam, war ein großer Glücksfall. Sie verstehen sicher, warum dem Institut so viel daran liegt, die Untersuchung mit Ihnen fortzusetzen? Wir könnten unmittelbar vor einem entscheidenden Durchbruch stehen, der die Wissenschaft revolutionieren würde.«

Corinna betrachtete Menschen und Bäume in der Ferne, ohne sie wahrzunehmen. Sie wollte die Visionen und Träume am liebsten so schnell wie möglich vergessen und nicht immer und immer wieder darüber reden müssen. Sie würde niemals mit diesem Institut in Kontakt treten, dessen war sie sich sicher.

»Eines wüsste ich noch gern. Diese Erinnerungen von Achim, die ich in mir hatte, sie schienen so zielgerichtet zu sein, mich einen bestimmten Weg zu führen, jedenfalls habe ich es so empfunden. Als hätte er sie ausgesucht, um mir damit seine Geschichte zu erzählen. Wie erklären Sie das? Was Sie mir bisher sagten, klingt eher danach, als wäre die Auswahl zufällig.«

»In Ihrem Fall wurden besonders intensive Emotionen und Erinnerungen übertragen, das, was manche Leute den Schatten nennen. Der Schatten ist der dunkle Teil in uns, das Negative, das, was wir gern verbergen würden, so wie in der Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Dieser schwarze Teil unserer selbst ist sehr stark und hat die Eigenart, umso mächtiger zu werden, je mehr man versucht, ihn zu verleugnen. Wir vermuten, dass Sie speziell das von Achim sahen, was er verzweifelt versuchte, zu vergessen und zu unterdrücken, genau wie umgekehrt, weil sich diese Teile in den Vordergrund drängten. Über Achim erfuhren Sie so eine zusammenhängende Geschichte, wie Sie sagen. Niemand von uns ahnt, was Sie über Achim wissen. Er konnte es uns nicht sagen.«

»Nein, wohl nicht. Ich weiß ja auch nicht, welche meiner Erinnerungen er gesehen hat.« Miterlebt träfe es besser, doch sie wollte sich jetzt nicht in unnötiger Pedanterie ergehen. Sie wollte das Gespräch beenden. Torsten wartete auf sie, genau wie eine schwierige Autofahrt, für die sie ihre Kräfte brauchte.

»Das können wir Ihnen verraten.«

Ihr Herz stolperte. Sie sah den Mann überrascht an. Sie hatte nicht daran gedacht, aber natürlich sagte er die Wahrheit. Achim hatte den Leuten vom Institut alles erzählt. Diese Wissenschaftler wussten vermutlich Dinge über sie, die sie freiwillig niemals jemandem anvertrauen würde, wussten von ihren dunklen Flecken, die immer größer wurden, seit sie von dieser Krankheit verfolgt wurde. Ganz bestimmt wusste auch der Mann vor ihr davon. Seine Gegenwart war ihr mit einem Mal so unangenehm, dass sie das Unbehagen körperlich spürte und nur noch flüchten wollte.

»Das … das klingt mir alles zu esoterisch«, stammelte sie und zwang sich, noch stehen zu bleiben, das Gespräch fortzusetzen. Ihre Hände kribbelten unangenehm.

»Vielleicht, aber wir arbeiten unter streng wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Im Institut sind Physiker beschäftigt, Biologen, Verhaltensforscher, Chemiker …«

Corinna starrte stumm vor sich hin.

»Nehmen Sie die Quantenverschränkung, das ist ein ähnliches Phänomen wie das, was Sie erlebt haben. Zwei Teilchen werden miteinander verschränkt, verbunden, um es einfacher zu sagen, etwa so, wie Sie und Achim. Dann trennt man diese beiden Teilchen, entfernt sie so weit voneinander, wie man nur kann. Beide drehen sich in dieselbe Richtung. Ändert man bei einem Teilchen die Drehrichtung, passt sich das andere Teilchen augenblicklich an. Niemand weiß, warum.«

Sie meinte, sich vage zu erinnern, davon gelesen zu haben. Hatte das wirklich etwas mit ihr zu tun? Ihr wurde das alles zu viel. Sie schickte sich an, zu gehen. »Es gibt bestimmt noch andere …« Die Worte kamen langsam aus ihrem Mund, vage.

»Möglich. Aber wenn, dann kennen wir sie nicht. Wir haben nur Sie.«

angstimspiegel

Jetzt als eBook mit dem Titel „Deine Gedanken sind mein“

 

Nachts wird der Schleier gelüftet

Nachts wurde der Schleier gelüftet, der tagsüber auf allem lag. Nachts gab es nicht mehr diesen Schutz, der tags gnädig die Wahrnehmung abschirmte. Nachts kam zum Vorschein, was im Innern schlief, da waren alle Mächte befreit, da zeigte der Mensch sein wahres Gesicht. Die meisten bösen Taten geschahen nachts, weil sich die Menschen in der Dunkelheit nicht mehr unter Kontrolle hatten. Ihre Dämonen brachen hervor und übernahmen sie, es war die Zeit der Geister und Gespenster. Nicht etwa der Schreckensgestalten, die durch die Lüfte flogen und in Gebäuden spukten, nein, der Geister und Gespenster, die den Menschen innewohnten und auf ihnen hockten, die sie quälten und verhöhnten, die sie nicht losließen und sich an ihnen festkrallten und sie ins Verderben rissen.

fussspuren

Schon beim Gehen spürte er das Gewicht an den Füßen, bei jedem Schritt zerrte es schwerer an ihm. Er sah nach unten, doch da war nichts. Er kannte das schon, hin und wieder meinte er, man hätte ihm Ketten angelegt. Auf der anderen Seite des Mains tanzten die Geister. Auf seiner Seite war es ruhig, nur ein gelegentliches Flüstern huschte ihm um die Ohren. Er trat an den Wasserrand; sachte schwappten kleine Wellen an seine Sohlen.

Plötzlich ein wilder, brennender Schmerz auf seinem Hinterkopf, der sich in seinen Schädel bohrte wie ein glühender Pfahl. Er riss die Hände hoch und schlug auf die Stelle, bekam etwas zwischen die Finger, hielt es fest, schloss die Fäuste darum, ließ nicht los, bis er mit einem Ruck davon frei war. Ein derber Stoß ließ ihn nach vorn fallen, er platschte auf, tauchte fast lautlos ein in den Fluss, sackte nach unten, von unsichtbaren Ketten gezogen.

Wie schön die Nacht war. Er hatte immer gewusst, dass das wahre Wesen der Dinge am Tag stets verborgen blieb …

fussspuren

Seine Hände waren zu Fäusten geballt und hielten etwas umklammert. Als man sie endlich geöffnet hatte, wurde ein kleines Stück graues Fell herausgeholt, das unmöglich einem bestimmten Tier zuzuordnen war. An den Fußknöcheln des Mannes waren Abdrücke von Ketten zu erkennen und auf seiner Kopfhaut war etwas eingeritzt, das nach eingehender Beratung als ein Auge identifiziert wurde. Es konnte nie geklärt werden, ob der Mann vor seinem Tod gefoltert wurde.

Aus: Mainnacht. Erschienen in Hüte deine Seele