Alte Freundin Alex – nichts ist mehr wie früher

Alex saß bleich auf dem Sofa, Lars klebte an ihr wie ein Kaugummi. Es schien unmöglich, sie allein zu sprechen und ein vertrauliches Gespräch zu führen. Ich fühlte mich befangen in seiner Gegenwart und Alex gab sich so wortkarg, wie ich es nie zuvor erlebt hatte. Stand sie noch unter Schock? Über höfliche Floskeln und allgemeine Beteuerungen, wie gut es uns ging, waren wir bisher nicht hinausgekommen. Mein Blick wanderte frustriert zum Fenster. Zeichneten sich am Himmel etwa erste Schneeflocken ab? Doch nein, es war zu warm. Wenn etwas aus den Wolken fiel, dann Regen.
Gandhi lag neben mir auf dem Boden und döste. Alex starrte ihn an, als könne er ihr die Erlösung bringen, und Lars ruckelte unbehaglich hin und her. Fürchtete er sich vor Hunden? Gandhi war nun wirklich der freundlichste Vierbeiner, den man sich vorstellen konnte. Er leckte jedem die Hand und wedelte begeistert, sobald man ihm nur andeutungsweise Aufmerksamkeit schenkte.
„Wie lang bleibt ihr in Schönberg?“, erkundigte ich mich tapfer und hoffte endlich auf eine ausführlichere Antwort.
„Bis nach Silvester. Am 2. Januar fahren wir zurück“, murmelte Alex, wobei sie es vermied, mich anzusehen, und lieber ihre Augen von Gandhi zur Wand und wieder zurück wandern ließ. Was, um alles in der Welt, war nur mit ihr los?
„Lars, würdest du mir bitte helfen, meine Einkäufe ins Haus zu tragen?“ Frau Keller kam mir zur Rettung. Zweifellos war es ihr Plan, ihren Schwiegersohn von uns wegzulocken. Ich hätte sie am liebsten geküsst. Lars erhob sich zögerlich, aber trottete gehorsam hinaus. Alex und ich blieben allein zurück.
„Alex, sag mal, geht es dir wirklich gut? Du siehst aus wie ein Gespenst“, stellte ich in unserer früher gepflegten offenen Art fest. Ich erwartete ein Lachen, einen Protest, eine schlagfertige Antwort, doch Alex nickte nur müde.
„Uns geht es prima. Es ist schön in Finnland.“
Uns? Warum sprach sie nicht für sich selbst?
„Wie kommst du mit der Sprache zurecht?“ Finnisch war schwer und ich wusste, dass sie befürchtet hatte, sich beim Lernen zu dumm anzustellen.
„Bestens. Lars hilft mir jeden Tag und ich verstehe schon viel.“
„Wie ist deine Arbeit?“
„Macht Spaß.“
„Und wie kommst du mit Lars’ Familie aus? Sind sie nett?“
„Sehr nett. Ich mag sie.“
Das war ja zum Verzweifeln! Als hätte man die alte Alex nachgebaut und ihren seelenlosen Klon nach Schönberg geschickt.
„Was ist mit dir los? Du bist so anders, als wären wir zwei Fremde. Willst du nicht mit mir reden?“
Sie warf mir einen verärgerten Blick zu. „Was glaubst du wohl? Wir hatten hier gestern eine Leiche. Natürlich geht es mir nicht gut damit, aber sonst ist alles in Ordnung.“

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Time Zone Murder – das Buch

Es ist wirklich, wirklich viel Arbeit, so ein informelles Krimi-Dinner in ein anständiges Buch umzugestalten, und ich habe diese Woche eigentlich kaum etwas anderes gemacht, auch nächtens noch daran gesessen, aber jetzt ist es geschafft! Die Dateien sind auf dem Wege zur Überprüfung und wenn alles gut geht, wird das Buch morgen oder übermorgen dann schon kaufbar sein. Das Design ist allerdings unterschiedlich zu den Vorgänger-Büchern mit Crimelady’s Krimi-Dinner – das ist ein bisschen doof, ließ sich aber nicht vermeiden, weil sich das Titelbild mit dem vorgegebenen Design nicht vertrug. Man hätte zu viel von dem Robotermann nicht mehr gesehen. Jetzt überlege ich, ob ich die anderen drei auch noch mal umgestalten soll, damit sie wieder alle einheitlich sind. Da die Titel gleichbleiben würden, wäre hoffentlich niemand verwirrt …

Wie auch immer, hier ist ein erster Blick auf das neue Cover. Begleitend zum Buch ist auch noch eine eigene Webseite entstanden, weil es einen umfangreichen Online-Begleitteil gibt, den ich hier im Blog nicht so recht unterbringen konnte. Die Seite ist sehr modern gestaltet und sieht richtig super aus.🙂 WordPress macht’s möglich.😉

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timezonemurder

Was nicht unter dem Baum liegen sollte

Es funkelte und glitzerte unglaublich. Ich stand in dem gemütlichen Wohnzimmer und starrte auf den wohl schönsten Weihnachtsbaum, den ich jemals sah: mindestens zweieinhalb Meter hoch, dicht und buschig, so gleichmäßig gewachsen, dass er beinahe künstlich wirkte – er war aber echt, ich hatte es überprüft – und geschmackvoll geschmückt in den Farben Silber und Weiß. Große glänzende Weihnachtskugeln hingen an schneeweißen, akkurat gebundenen Schleifen, kleine, kunstvoll stilisierte Metallengel schwebten an den Zweigen, auf der Spitze saß ein strahlend beleuchteter Stern. Eigentlich war es nicht richtig, zu sagen, es hingen Weihnachtskugeln an dem Baum. Tatsächlich war er übervoll davon und der Effekt atemberaubend. Dazu duftete der ganze Raum nach Tannenwald. Es war mir ein Rätsel, wie Kellers das anstellten. Bei mir roch ein Weihnachtsbaum genau einmal, nämlich, wenn ich ihn aufstellte und dabei am Stamm herumsäbelte und aus Versehen ein paar Äste abknickte. Danach schien sein Duft zu verblassen.

Ein Schauer durchlief meinen Körper und ich musste an die marmorne Fensterbank fassen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Mein Blick saugte sich fest an dem grün-silbrigen Wunderwerk. Ich hatte Angst, die Lider zu schließen oder woanders hinzusehen, denn dann würde sich dieses Bild des Grauens für immer in mein Gedächtnis einbrennen. Alle möglichen Gedanken gingen mir durch den Kopf und einer davon galt Alex. Warum begrüßte sie mich nicht? War es zu viel verlangt, seiner besten Freundin hallo zu sagen? Schließlich war ich hauptsächlich ihretwegen hier. Dann dachte ich an Peter, meinen Mann, der arbeiten musste und nicht an meiner Seite war, um mir beizustehen. Dabei hätte ich ihn gerade jetzt dringend gebraucht.

Ich konnte nicht länger die Augen so starr aufreißen; sie fingen bereits an zu tränen. Ich gab mir einen Ruck und blinzelte. Dann fiel mein Blick auf das, was unter dem Baum lag: der leblose, unheimliche Körper eines Mannes. Er war tot, daran gab es keinen Zweifel, nicht zuletzt, weil seine Augäpfel aus dem Kopf zu quellen schienen und seine Zunge zwischen den Lippen heraushing. In der Annahme, ich würde doch noch jeden Augenblick bewusstlos werden, fing ich an zu schreien.

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Im Traume der glitzernde Schnee

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Es gibt so wunderschöne weiße Nächte, drin alle Dinge Silber sind. (Rainer Maria Rilke)

Der unberührte Schnee lag auf den Wiesen, die sich vor ihr ausbreiteten, und glitzerte im Sonnenlicht so hell, dass es sie blendete. Der Himmel strahlte in seinem schönsten speyerBlau, der Frost biss sie in die Nase und ihr Atem stieg in kleinen Dampfwolken auf. Nur noch zwei Wochen bis Weihnachten, ihrem liebsten Fest neben ihrem Geburtstag. Es würde grandios werden – sie, ihre Eltern, die Großeltern, ihre drei Geschwister und die beiden Hunde  – alle würden wahnsinnig viel Spaß haben, jeder bekam Geschenke, es gab lauter leckere Sachen zu essen, so viel, dass sie abends nur noch dick und rund auf dem Sofa sitzen konnten, und sie würden mit dem Pferdeschlitten zur Kirche fahren. Ach, es war eine phantastische Zeit. Sophie drückte ihre Fersen in Blue Boys Flanken, ließ die Zügel durch ihre Hände gleiten und lehnte sich nach vorne. Ihr Pony preschte los und sauste in trommelndem Galopp so schnell über die Schneedecke, dass die weiße Pracht nach allen Seiten davonstieb.

„Sophie?“ Frau Schachner sah sie ungeduldig an. „Weißt du es oder nicht? Wenn nicht, muss ich dir jetzt leider eine mündliche Sechs geben.“ Sophie starrte die Lehrerin mit schreckgeweiteten Augen an. „Wie war die Frage?“ Die schlanke Frau, die vor der Tafel stand, seufzte. „Ich weiß, dass du wieder einmal geträumt hast. Du warst förmlich weggetreten. Aber so geht das nicht weiter, Sophie. Du musst dich am Unterricht beteiligen und die Hausaufgaben machen.“ „Aber ich habe die Hausaufgaben doch“, protestierte Sophie schwach. „Die Frage lautet: „Wann war der 30-jährige Krieg?“ In Sophies Kopf breitete sich eine entsetzliche Leere aus. Sie hoffte, dass von irgendwoher eine oder zwei Jahreszahlen aufpoppen würden, doch der Dunst, der sich ihr Gedächtnis nannte, blieb reglos und blass. „Es tut mir leid, Sophie, aber das hast du dir ganz allein selbst zuzuschreiben.“ Frau Schachner ging zu ihrem Tisch, schlug ihren Kalender auf und schrieb etwas hinein, das verdächtig nach einem Kringel aussah. Sophie spürte Tränen hinter ihren Lidern drücken.

Der Heimweg zog sich an diesem Tag sehr in die Länge, denn Sophie trödelte herum. Sie wollte niemandem von der miserablen Note erzählen müssen, am liebsten hätte sie den ganzen Vormittag komplett ausradiert. Sie wusste ja, dass sie zuviel träumte, aber das war schließlich das Einzige, was sie ganz für sich hatte. Und ihre einzige Möglichkeit, überhaupt jemals auf einem Pferd zu sitzen. Sie liebte Pferde, sie hätte ihr ganzes Taschengeld dafür hergegeben, Reitunterricht nehmen zu können, doch es ging einfach nicht. Reitstunden waren so teuer, ihre Finanzen reichten nie dafür aus, höchstens für eine Pferdezeitschrift hier und da.

Für die Jahreszeit war es viel zu warm. Sophie zerrte an ihrem Schal, um ihn zu lockern. In ihrem Tagtraum war es kalt und überall lag Schnee, doch in der Realität hatte es über zehn Grad und regnete ständig. Wirklich kein Wetter, das einen auf Weihnachten einstimmte. Nein, an das Fest wollte sie lieber nicht denken, sie hatte schon Sorgen genug. Als sie die Wohnungstür öffnete, hörte sie Niklas und Tim brüllen. Sie versuchte, sich unbemerkt in ihr Zimmer zu schleichen, doch ihre Cousins entdeckten sie. „Sie ist da, Mama“, brüllte Tim und stürzte sich auf sie, um sie zu Boden zu reißen. „Hör auf, geh weg!“, protestierte Sophie und wehrte sich mit aller Kraft gegen den kleineren Jungen, der an ihr hing. Niklas tanzte vor ihr herum und schwenkte etwas durch die Luft. „Sophie hat einen Brief bekommen, Sophie hat einen Brief bekommen“, sang er dabei aus voller Kehle. „Gib ihn mir!“, schrie Sophie und versuchte, den roten Umschlag zu erwischen, doch Tim hing immer noch an ihr und zerrte sie in die andere Richtung und Niklas war einfach zu schnell. „Tante Marion!“, rief Sophie hilflos.

Eine kleine, rundliche Frau kam aus der Küche; sie trug eine Schürze und sah aus, als fühlte sie sich gestört. „Ach Sophie, du musst lernen, dich endlich durchzusetzen. Ich kann nicht immer da sein und dir helfen. Du musst dich selbst behaupten. Die beiden sind doch viel kleiner als du!“ Sophie wusste genau, was über sie hereinbrechen würde, sollte sie sich tatsächlich gegen ihre Cousins durchsetzen. Ihre Tante drehte sich einfach um und ging in die Küche zurück. Tim begann, an Sophies Haaren zu ziehen. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Sie verpasste ihm mit dem Ellbogen einen ordentlichen Hieb in die Rippen und der Quälgeist sackte fassungslos zu Boden. Im nächsten Moment verzog er das Gesicht und plärrte los. Tante Marion kam zurückgeeilt. „Was ist denn nun wieder? Sophie, was hast du getan?“ „Wieso soll ich etwas getan haben?“, maulte Sophie, doch sie wurde übertont von Tims „Sie hat mich geschlagen! Sie hat mich geschlagen!“

„Darüber sprechen wir noch!“, kündigte ihre Tante an, dann schleppte sie ihren weinenden Sohn ins Wohnzimmer hinüber. Sophie riss Niklas den Brief aus der Hand und verzog sich in ihr Zimmer. Vor ziemlich genau vier Jahren waren ihre Eltern bei einem Unfall umgekommen und seither lebte sie bei ihrer Tante Marion, der Schwester ihres Vaters. Die Tante war Hausfrau und kümmerte sich um die Kinder, ihr Mann Matthias arbeitete in einer Fabrik. Er verdiente gerade genug, dass sie davon leben konnten, vor allem, seit sie Sophie bei sich hatten. Ihre beiden Cousins waren aufsässige, verzogene Jungs, fand Sophie, aber Tante Marion oder Onkel Matthias wollten das nicht einsehen. Das erste Weihnachtsfest ohne ihre Eltern hatte Sophie so gut wie möglich aus ihrem Gedächtnis verbannt, aber wenn sie daran dachte, bekam sie Bauchschmerzen und ein ganz dunkles Gefühl in der Brust. Keines der folgenden Weihnachtsfeste war wirklich schön gewesen, und auch das kommende würde wieder eine Enttäuschung werden. An Weihnachten vermisste sie ihre Eltern besonders stark.

Sophie betrachtete den roten Umschlag in ihrer Hand. Sie bekam sonst nie Post, sie hatte keine Ahnung, wer ihr schreiben sollte. Doch dann fiel ihr ein, dass sie bei einem Preisausschreiben mitgemacht hatte. Der Hauptgewinn waren zwei Wochen Urlaub auf einem Reiterhof, das höchste Glück, das sie sich auf dieser Erde vorstellen konnte – außer, ihre Eltern wiederzuhaben, natürlich. Das musste die Benachrichtigung sein. Ganz sicher, der Gewinner musste einen so schönen Brief bekommen, damit er der Mitteilung entsprach. Ungeduldig riss sie das dicke Papier auf und zog die Karte heraus. Es kam ihr zwar nun doch merkwürdig vor, dass jemand eine solche Karte basteln würde, um über einen Gewinn zu informieren, aber immerhin war bald Weihnachten, warum also nicht. Sie klappte die Karte auf und fing an zu lesen. Mit jedem Wort wurde ihre Enttäuschung größer. Kein Reiterhof, keine Pferde, keine zwei Wochen Ferien weit weg von ihren Cousins. Es würde nur ein weiteres ödes Weihnachten werden. Sie konnte ja trotzdem zu diesem vorgeschlagenen Treffen gehen, wenigstens hatte sie so einen Grund, sich klammheimlich für einige Zeit zu verdrücken.

aus:

Ein geheimnisvoller Weihnachtsbrief

1

Die Kerzen fangen zu brennen an,
das Himmelstor ist aufgetan,
Alt’ und Junge sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
und morgen flieg ich hinab zur Erden,
denn es soll wieder Weihnachten werden!
(Theodor Storm)

Schon der Umschlag ist etwas Besonderes. Das dicke, glatte Papier liegt schmeichelnd in der Hand, die satte rote Farbe erfreut den Betrachter, und die vielen goldenen Sternchen, die jemand in sorgsamer Handarbeit aufgeklebt hat, funkeln verheißungsvoll. Wunderbar weihnachtlich, alles in allem. Innen findet sich eine Karte von derselben Art, doch sie ist nicht mit Sternchen verziert. Stattdessen prangt auf ihrer Vorderseite ein buntgeschmückter, dunkelgrüner Weihnachtsbaum, der unglaublich plastisch wirkt – ein wahrer Augenschmaus! Man kann nicht anders, man muss sich unweigerlich fragen, wer eine solch entzückende Weihnachtskarte herstellen und verschicken würde. Es muss ohne Zweifel jemand sein, dem man ausgesprochen lieb und teuer ist. Voller Neugier klappt man die Karte auf und liest den Text:

Dieses Jahr sollst du ein außergewöhnliches, ganz einmaliges Weihnachtsgeschenk erhalten. Komme am 24. Dezember um 23 Uhr in die Grüne Kapelle.

Es folgt ein großes Rätselraten um den Absender. Es ist nämlich keiner genannt, es kommt also jeder in Frage, den man kennt, oder – was noch viel mysteriöser wäre – es ist jemand, den man nicht kennt! Ist die Karte womöglich ein Werbegag? Aber nein, der Gedanke kann verworfen werden; dafür ist sie zu individuell, zu sorgfältig gestaltet und mit zuviel Liebe ersonnen. Man wird nicht draufkommen und am Ende bleibt nur eines: Zur angegebenen Zeit in die Grüne Kapelle gehen und selbst sehen, welche Überraschung dort auf einen wartet. Wenn einem nur das Warten nicht zu lang wird!

 

hollybar

Zu Beginn der Adventszeit schrieb ein unbekannter Absender 22 Mal einige Zeilen auf 22 rote Karten aus dickem, glattem Papier und steckte sie in 22 rote, mit Sternchen verzierte Umschläge. Mit einem Lächeln strich er liebevoll über jede einzelne Sendung in Gedanken an den jeweiligen Empfänger. Ja, sie würden sich alle wundern, über die Maßen staunen und sich fragen, was das zu bedeuten hatte. Es war nicht auszuschließen, dass der oder die eine oder andere nicht zum vereinbarten Treffpunkt kommen würde, vielleicht nicht konnte oder sogar nicht wollte. Aber er wusste, dass die Menschen neugierig und von Sehnsucht erfüllt waren. Sie würden wissen wollen, wer er war und was das außergewöhnliche, ganz einmalige Weihnachtsgeschenk sein konnte, das sie in diesem Jahr erhalten sollten. Das hatte nichts mit Materialismus zu tun, vielmehr mit Hoffnung.

Die Menschen hofften immerzu auf etwas Schönes, auf Besserung, auf das Glück. Sie brauchten die Hoffnung, ohne sie waren sie verloren. Die Hoffnung trug sie durch die dunklen Zeiten, die trüben, die elenden und die glücklosen. Hoffnung und Glaube gehörten eng zusammen. Ohne Glaube gab es auch keine Hoffnung. Die Empfänger und Empfängerinnen sollten hoffen und glauben, dass jemand an sie dachte und ihnen ein wundervolles, unvergessliches Weihnachtsgeschenk überreichen würde. Und dann, am 24., in der Heiligen Nacht, in der die Hoffnung der Welt sich in der Geburt eines kleinen Kindes manifestiert hatte, würden sie erstaunt und berührt erfahren, dass Träume wahr werden konnten.

Die Umschläge wurden mit Briefmarken beklebt, noch einmal sanft gedrückt und zum Briefkasten gebracht. 22 geheimnisvolle Weihnachtskarten traten ihren Weg an. Am nächsten Tag schon würden sie bei ihren Empfängern sein.

Er schmunzelte. Zu gern würde er die Gesichter sehen.

aus: