Leseprobe zu „Der Tod in den Gedanken des Mörders“

Zwischen den Hochhäusern der Frankfurter Banken verbarg sich geschickt ein gläserner Kubus, trotz seiner modernen Architektur gänzlich unauffällig, was nur an seinen protzigen Nachbarn liegen konnte. Auf einer Wiese hätte man sofort die Besonderheiten des Baus bemerkt – seine harmonische Symmetrie, seine dezente Bescheidenheit und zugleich seine Ausmaße, denn eigentlich war es ein großes Gebäude. Alle Seiten bestanden aus Scheiben in schmalen, metallenen Rahmen.

Corinna fand mühelos das Parkhaus darunter und stellte den Wagen dort ab. Zittrig stieg sie aus. Sie fühlte sich immer noch unwohl, wenn sie allein mit dem Auto fahren musste. Zwar hatte sie seit Wochen keine Panikattacke mehr gehabt, doch die Erinnerungen daran und die Angst davor hatten sich tief eingegraben. Was mochte sie in diesem Institut erwarten? Sie sagte sich immer wieder, dass sie einfach gehen konnte, wenn es ihr zu viel wurde. Sie atmete tief durch und fing an, die Treppen hinaufzusteigen.

Im Erdgeschoss befand sich der Empfang, eine lang gestreckte, kurvig gestaltete Theke aus poliertem Eichenholz. Eine steif wirkende junge Frau mit einem hellblonden, schulterlangen Bob blickte nur kurz auf, als Corinna aus der Tür trat, und widmete sich sofort wieder dem Gespräch, das sie mit jemandem am Telefon führte. Corinna sah sich in der großzügigen, luftigen Halle um, während sie wartete. Riesige tropische Bäume verbreiteten ein frisches, wohnliches Gefühl, mehrere Sitzgruppen boten Gelegenheit für Besprechungen oder auch nur einen bequemen Platz zum Ausruhen; die Wände waren alle mit großen, quadratischen Eichenholzpaneelen verkleidet und wirkten urig und gleichzeitig avantgardistisch. Die vorherrschende Form bildete der Bogen. Im Gegensatz zur äußeren, würfelförmigen Erscheinung des Baus gab es in seinem Inneren Kreise, Kurven und Bögen. Keine Wand war gerade, alle gebogen, bis auf die riesigen Fenster, die die Außenwand bildeten. Die Lounges gruppierten sich ringförmig um Tische, selbst die Blumenkübel waren rund. Zu Corinnas Füßen erstreckte sich ein fantastisch glänzender dunkelbrauner Marmorboden. Kein Zweifel, hier herrschte ein exquisites, sehr teures Understatement.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Corinna wandte sich um, als die Empfangsdame mit ihr sprach. Sie ging ein paar Schritte, bis sie vor der Theke stand.

„Ich möchte zu Gerd Melde.“

„Herr Melde ist nicht im Haus.“ Die blonde Frau musterte sie kühl. Corinna zuckte innerlich zusammen. Sie benahm sich ja wie ein verängstigtes Kaninchen. Sie zwang sich, den Blick fest zu erwidern.

„Das ist schade. Wann wird er zurück sein?“

„Das weiß ich nicht. Herr Melde ist hauptsächlich im Außendienst tätig. Kann ich ihm eine Nachricht hinterlassen?“

Corinna zögerte und nickte schließlich langsam. „Sagen Sie ihm, Corinna Mandau möchte mit ihm sprechen. Es ist …“ Sie schlug die Augen nieder. „… dringend.“

„Einen Moment bitte.“

Anstatt eine entsprechende Notiz auf einem Blatt Papier zu vermerken oder in den Computer zu tippen, griff die Frau zum Telefon. Sie drückte eine einzige Taste und wartete regungslos, bis sich ihr Gesprächspartner meldete. „Frau Mandau ist hier.“ Mehr sagte sie nicht, legte gleich wieder auf. Corinna fing an zu schwitzen. Was bedeutete das? Es schien fast so, als würde man sie erwarten.

„Ich glaube, ich gehe jetzt besser“, stieß sie hervor, was ihr einen mahnenden Blick einbrachte.

„Warten Sie, es kommt gleich jemand.“ Die Aufforderung klang wie ein Befehl.

Corinna sah zur Eingangstür. Einige Schritte, nein, viele Schritte, doch wenn sie liefe, wäre sie schneller dort, als die Empfangsfrau hinter ihrem Tresen hervoreilen und sie festhalten konnte. Ihre Finger ballten sich zu Fäusten, ihre Füße kribbelten, ihr ganzer Körper spannte sich unter dem Fluchtimpuls. Die blonde Frau beobachtete sie mit zusammengezogenen Augenbrauen. Eine Aufzugstür glitt geräuschlos auf, ein Mann trat heraus, fixierte sie. Zu spät. Oder? Sie konnte immer noch fliehen. Fast gegen ihren Willen blieb Corinna stehen und wartete ab. Der Mann kam auf sie zu, streckte die Hand aus, lächelte.

„Guten Tag, Frau Mandau, herzlich willkommen bei CIRQE. Ich freue mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen.“ Sie schüttelte ihm wortlos die Hand. „Bitte schenken Sie mir ein paar Minuten, ich würde mich sehr gern mit Ihnen unterhalten.“ Er nahm eine Haltung ein, mit der er sie direkt in Richtung des Aufzugs lotste. Corinna ließ sich widerstrebend führen, brachte mit zusammengebissenen Zähnen die kurze Spanne im Aufzug hinter sich, während der sie die Schweißperlen ihren Rücken hinabrollen spürte, und trat aufatmend auf einen breiten Flur. Auch hier befanden sich große Pflanzen – wo das Licht, das durch die Fenster drang, nicht ausreichte, wurden sie mit speziellen Lampen bestrahlt.

In einem riesigen Eckbüro bot der Mann ihr einen Stuhl an und sie ließ sich nieder. Jetzt erst kam sie dazu, ihn sich genauer anzusehen. Er schien alt zu sein – nicht richtig alt, aber jenseits von 60. Sein weißgraues Haar zierte üppig und ordentlich gescheitelt sein Haupt. Er trug eine eckige, braune Brille, einen dunkelgrauen, maßgeschneiderten Anzug und eine auffallend gemusterte Krawatte, seine grauen Augen ruhten gelassen auf ihr. Wartete er darauf, dass sie ihre Musterung beendete? Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

„Verzeihen Sie, dass ich Sie so überfalle. Ich sollte mich zuerst vorstellen. Mein Name ist Oskar Odin, ich bin der Leiter des Instituts.“

„Woher wissen Sie, wer ich bin?“

„Nun, Herr Melde hat sich vor einiger Zeit mit Ihnen unterhalten, oder nicht? Er hat mir darüber berichtet, aber natürlich haben wir uns schon davor mit Ihnen beschäftigt. Ich dachte, das wüssten Sie.“

Corinna ließ sich das Gespräch mit Gerd Melde durch den Kopf gehen. Nach Achims Beerdigung war er auf sie zugekommen, um sie davon zu überzeugen, mit dem Institut zusammenzuarbeiten. Er hatte ihr Angst gemacht, aber was er sagte, war äußerst interessant für sie, wenn sie auch nicht alles verstand. Er hatte versucht, ihr eine Erklärung für ihre Gabe zu geben, hatte etwas von Übertragung und Schatten erzählt. Sie wollte das alles noch einmal hören, Fragen dazu stellen. Und ja, sie hätte wissen müssen, dass man sie in diesem Institut kannte. Achim, dem sie nur noch beim Sterben zusehen konnte, hatte mit diesen Leuten kooperiert und da er genauso Erinnerungen von ihr besaß wie sie von ihm, kannte man hier Seiten von ihr, die sie lieber für sich behalten hätte. Doch eigentlich wusste sie gar nicht, was Achim von ihr erfahren hatte. Es war nur eine Vermutung, ausgehend davon, dass sie sein dunkelstes Geheimnis herausgefunden und miterlebt hatte. Es gab auch schöne Erinnerungen, gute Momente, in denen Achim sich glücklich gefühlt hatte. Der Zweck dieses Erinnerungsaustausches schien jedoch darin zu liegen, die Wahrheit ans Licht zu bringen – falls man bei dieser merkwürdigen Angelegenheit überhaupt von einem Zweck sprechen konnte. Das würde ja bedeuten, dass sie zielgerichtet eingesetzt wurde. Corinna schüttelte beinahe erheitert den Kopf, hörte aber gleich wieder auf, als ihr bewusst wurde, dass Professor Odin sie beobachtete und auf eine Antwort wartete.

„Ja, richtig, ich hatte das vergessen.“

„Was führt Sie nach so langer Zeit zu uns, Frau Mandau?“

„Ich … ich würde lieber mit Herrn Melde sprechen.“ Albern, ja, aber ihn kannte sie bereits, wenn auch nur flüchtig. Es würde ihr leichter fallen, ihm ihre neusten Eindrücke zu schildern, als einem vollkommen Fremden.

„Herr Melde ist leider nicht da und ich weiß auch nicht, wann er zurück sein wird. Er ist auf Geschäftsreise.“ Er hielt inne und warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. „Es hat wieder angefangen, nicht wahr? Neue Erinnerungen.“

„Ich bin mir nicht sicher.“ Blödsinn, natürlich war sie sicher. So sicher, dass es ihr die Kehle zuzuschnüren drohte. Sie erhob sich. „Ich möchte jetzt gehen.“

„Natürlich, aber bitte überlegen Sie sich, ob Sie nicht doch an einer Untersuchungsreihe teilnehmen wollen. Wir könnten Ihnen viele Fragen beantworten und Sie würden der Wissenschaft eine einmalige Gelegenheit bieten.“ Sein Tonfall wurde eindringlicher und Corinna fühlte ihre Entschlossenheit bröckeln. Professor Odin wirkte vertrauenswürdig und verständnisvoll, wie ein väterlicher Freund. Sie musste unbedingt mit jemandem reden und Gerd Melde war auf unbestimmte Zeit verreist. Im nächsten Moment stellte sie sich vor, wie sie mit Sonden und Sensoren bestückt wurde, verkabelt und in Röhren geschoben und ihr Herz fing an zu rasen wie verrückt. Niemals! Sie presste ihre Handtasche an sich und ging zur Tür.

„Wie Sie wünschen. Ich bringe Sie hinunter.“

Wieder folgte sie dem älteren Herrn, stand mit zusammengepressten Augenlidern in dem verdammten Aufzug und hetzte durch die Halle zur Tür, um im Freien erleichtert den Schwindel von zu heftig eingeatmetem Sauerstoff zu spüren. Langsam, nur nicht hyperventilieren, denn das führte sonst zu einer Panikattacke.

Ihr fiel ein, dass sie im Institutsparkhaus parkte, doch weil sie nicht noch einmal an der Empfangsdame vorbei wollte, ging sie um das Gebäude herum und durch die Einfahrt hinein, die sie mit dem Auto genommen hatte.

Den Nachmittag verbrachte sie unruhig an Torstens Bett. Als sie kam, war er nicht im Zimmer. Eine Schwester teilte ihr mit, dass er geröntgt wurde. Eine Viertelstunde später wurde er hereingebracht und lächelte sie müde an. Die meiste Zeit schlief er; wenn er wach war, murmelte er zusammenhanglose Sätze oder wollte Wasser, das sie ihm vorsichtig in einem Becher gab. Die Schmerzmittel setzten ihm sichtlich zu. Erst gegen Abend wurde sein Schlaf tiefer und er wachte nicht mehr auf. Corinna verließ ihn in der Hoffnung, dass es ihm am nächsten Tag besser gehen würde. Sie sollte die Polizei anrufen und fragen, was sie ihr zu dem Unfall sagen konnten.

Erleichtert warf sie den Autoschlüssel auf die kleine Kommode im Flur. Endlich zuhause. Was für ein langer und anstrengender Tag. Corinna ging in die Küche und fing an, sich ein Abendessen zuzubereiten. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie den ganzen Tag nichts gegessen hatte. Sie steckte sich ein paar Trauben in den Mund. Noch vor einem halben Jahr wäre sie nicht in der Lage gewesen, das zu tun, was sie heute vollbracht hatte. In ihre Sorge und Erschöpfung mischten sich Stolz und Zufriedenheit mit sich selbst. Kleine Schritte hin zur Besserung, zu einem selbstbestimmten Leben, ja, aber manchmal forderten die Umstände Riesenschritte, so wie heute. Sie hatte Glück, wenn sie dadurch nicht in ihrer Erfolgen zurückgeworfen wurde.

Sie aß ein Nudelfertiggericht aus der Mikrowelle und setzte einen Tee auf. Mit der Tasse machte sie es sich im Wohnzimmer vor dem Fernseher gemütlich. Jetzt nichts mehr denken, vor allem nicht an fremde Erinnerungen. Nur noch abschalten und entspannen.

Das Handy fing an zu surren. Corinna sah auf das Display und fragte sich, ob sie überhaupt drangehen sollte. Die Nummer sagte ihr nichts. Vielleicht war es die Polizei. Aber um diese Zeit? Torsten womöglich – mit einem Gerät des Krankenhauses. Sie tippte auf das grüne Symbol.

„Frau Mandau? Hier ist Gerd Melde. Professor Odin sagte mir, dass Sie mich sprechen wollten. Ich bin noch in China, aber wenn es dringend ist, reden wir jetzt.“

Verwundert lauschte Corinna der Stimme. Woher hatte Herr Melde ihre Handynummer? Oder sollte sie sich eher fragen, woher das Institut und vor allem Professor Odin die Nummer hatte? Sie gab sie kaum jemandem preis, nutzte das Mobiltelefon nur ganz privat, vor allem für die Kommunikation mit Torsten. Das Institut wurde ihr zunehmend unheimlich. Wer waren diese Leute wirklich? Ließ man sie überwachen? Abhören? Und dann diese Stimme – konnte sie ihr trauen? Sie klang nicht wie der Mann, an den sie sich erinnerte. Gänsehaut kroch über ihren Körper.

(Mitzulesen auf WattPad)

Countdown: läuft

Da inzwischen auch die letzten Bundesländer aus den Sommerferien zurückgekehrt sind, habe ich vorhin den neuen Newsletter mit allen Infos und Zugangsdaten zum kostenlosen Download des Krimi-Dinners Time Zone Murder versandt. Ach, ich freu mich.🙂 Und ein bisschen Feedback von denjenigen, die es spielen, fände ich toll!🙂 Bis Sonntag können die Dateien runtergeladen werden, danach nehme ich sie aus dem Netz und verwandle alles in ein Buch, in Crimelady’s Krimi-Dinner Nr. 4, das es dann ab Herbst zu kaufen gibt.

Nachdem ich nun schon einige Krimi-Dinner geschrieben habe, und zwar ganz unterschiedliche, möchte ich versuchen, eine Anleitung zu verfassen, wie man sein eigenes Krimi-Dinner entwickeln kann. Ich muss noch austüfteln, wie ich das am besten unterteile, damit es eine kleine Serie für meinen Blog wird. Aber wenn dich das interessiert, kannst du gern schon mal einen Kommentar oder ein „Gefällt mir“ hinterlassen. Ich möchte nämlich herausfinden, ob das überhaupt LeserInnen findet.

Der potentielle Mozart

Das hier ist eigentlich ein Anhang zu meinem letzten Artikel, aber weil der schon so lang war, habe ich dies ausgelagert. Es geht um die Frage des Erschaffens und der Bedeutung des Individuums für die Menschheit.

Während eines Gespräches zur Originalität (ob man etwas Neues erschaffen kann) kamen mein Mann und ich auf die beliebte Argumentation der Abtreibungsgegner, dass die Welt Mozart nicht kennen würde, hätte ihn seine Mutter abgetrieben. Das ist zwar wahr, aber auch sehr manipulativ. Ohne näher auf Pro oder Contra zu Abtreibungen einzugehen (das ist hier absolut nicht das Thema!) – wenn die Welt Mozart nicht gekannt hätte – so what? Wir würden ihn nicht vermissen, weil wir gar nicht wüssten, dass es etwas zu vermissen gibt.

Das betrifft nicht nur Mozart, sondern eigentlich alle, die etwas „Großes“ geschaffen haben, Genies waren oder vielleicht auch nur sehr fleißig und ehrgeizig und deshalb einen Nobelpreis erhalten haben, oder die einfach nur eine glückliche Entdeckung machten. Wir kennen Namen wie Mozart, Goethe, Pasteur, Einstein, Newton, DaVinci und halten diese Menschen für diejenigen, die die Menschheit vorangebracht haben. Aber ich glaube das nicht. Natürlich haben sie etwas Großartiges geleistet, keine Frage, aber das heißt nicht, dass diese Dinge nicht auch ohne sie geschehen wären. Vielleicht etwas später, aber trotzdem wäre die Menschheit jetzt vermutlich auf demselben Stand wie sie es gerade ist. Die Entwicklung drängt nach vorn, sie findet statt, unabhängig vom Individuum, sie bewegt sich wellenförmig, aber gleichmäßig und ist im Menschsein angelegt. Einzelne hatten wahrscheinlich Glück, Vorreiter in ihrer jeweiligen Zeit zu sein und deshalb aus der Masse herauszustechen und berühmt zu werden. Aber hätten sie nicht das vollbracht, was sie vollbrachten, hätte es jemand anderes gemacht.

Es ist also völlig egal, ob Mozart gelebt hat oder ein zweiter Mozart jemals geboren wird!

Ich gebe zu, es ist am Ende eine traurige Schlussfolgerung, dass es für den Einzelnen gleichgültig ist, ob er da ist oder nicht. Und sie kann auch nicht richtig sein; ich zumindest glaube das nicht, sondern, dass jeder Einzelne wichtig ist und einen Sinn in seiner Existenz hat. Nur die Argumentation mit dem potentiellen Mozart ist falsch. Wie viele Mozarts gibt es denn schon? Die meisten von uns sind doch ganz ordinäre Menschen (ordinär = gewöhnlich). Die Existenz eines Menschen macht nur an einer Stelle einen wirklich wichtigen Unterschied und denjenigen unersetzlich: in seinen Beziehungen zu den Menschen, die ihn umgeben. Zuerst zu den Eltern, dann zur Familie, schließlich zu Freunden, Nachbarn, seinen Nächsten. Hier liegt eure wahre Argumentation, ihr Abtreibungsgegner: Ein Kind, das nicht zur Welt kommt, wird am meisten von der Mutter vermisst, vom Vater, seiner Familie und all den Menschen, in deren Leben es einen Platz eingenommen hätte.

Wer braucht schon einen Mozart?

 

 

Originalität – eine heilige Kuh

Alle sind immer auf der Suche nach etwas Originellem. Schön verallgemeinert.🙂 Vielleicht sollte ich mit einer Definition beginnen, denn es gibt so manche Predigt, die jeder anders versteht, weil sich der Prediger nicht die Mühe macht, seine Begriffe zu erklären. (Nicht, dass das hier eine Predigt werden soll …)

Originalität, etwas Originelles – das heißt, etwas Neues, noch nicht Dagewesen, etwas Einzigartiges, DAS Alleinstellungsmerkmal einer Sache, unheimlich beeindruckend, weil noch niemand vorher jemals daran gedacht hat.

Die Frage ist, gibt es das überhaupt? Eine Zeitlang war ich ziemlich bedrückt, weil ich dachte, egal, welche Ideen ich entwickle, was ich schreibe, mache, was ich denke – alles, einfach ALLES hat schon jemand vor mir gedacht, geschrieben, gemacht, und vermutlich nicht nur einer, sondern Hunderte, Tausende. Nun ist das echt deprimierend, wenn man sich damit beschäftigt, etwas zu erschaffen, kreativ zu sein, und hoffentlich etwas Originelles auf den Markt zu werfen, das es noch nicht gab. Ich muss hier einfach das bekannteste Zitat dazu loswerden, das existiert: Es gibt nichts Neues unter der Sonne! Und das sagte Salomo vor tausenden von Jahren. Wenn also schon damals alles abgegrast war, wie muss es dann heute sein …?

Mal abgesehen von technischem Fortschritt gibt es nichts Neues, was Ideen und Gedanken angeht. Es ist mir nicht nur einmal passiert, dass ich eine Story für einen Roman entwickelt habe, und dann hat jemand anderes genau dieselbe Geschichte vorher oder nachher herausgebracht. Mein Mann hat ständig Ideen für coole Erfindungen – die umgesetzten Entwicklungen tauchen dann ganz ohne ihn auf. Ich hab mich gefragt, wie andere Künstler mit dieser Misere umgehen. Ich dachte tatsächlich, dass ich es eigentlich gleich völlig sein lassen könnte, etwas zu erschaffen, weil es überhaupt keine Rolle spielt, was von mir kommt. Ob ich etwas schreibe oder nicht, sage oder nicht, denke oder nicht – es ist absolut gleichgültig, interessiert niemanden, macht null Unterschied.

Dann habe ich mir einige Werke näher angeschaut, die ich beeindruckend finde oder die absolute Bestseller wurden, weil sich alle darauf gestürzt haben, als wäre es etwas ABSOLUT NEUES – Bücher, Skulpturen usw. Ich nenne als ein Beispiel die Harry-Potter-Reihe. Dabei ging mir endlich ein Licht auf – nichts davon ist neu. Alles ist nur Kopie.

Die eigentliche Kunst liegt nicht darin, etwas völlig Neues zu erschaffen, sondern im individuellen Kopieren, im eigenen Zusammenfügen und Bearbeiten dessen, das schon existiert.

Ein Kunstwerk besteht aus Materialien und Formen, die es schon gibt, und vermutlich hat jemand anderes schon etwas ganz Ähnliches gemacht. Aber eben nicht genau das. Die Harry-Potter-Bücher bestehen aus einer der altbekannten englischen Internatsreihen (wie Dolly oder Hanni und Nanni – uralt!) und zaubernden Kindern, Fabelwesen, dem Konzept von Gut und Böse und ein paar lateinischen Wortverdrehungen. Alles schon längst da gewesen. Aber J.K. Rowling hat eben fleißig gemischt und etwas Tolles damit geschaffen (ich bin ein Fan 😉 ).

Die Aufgabe lautet nun nicht mehr Erschaffe etwas Neues!, sondern: Kopiere mit deiner individuellen Note! Das ist eine sehr erleichternde Erkenntnis.

Selbstverständlich heißt Kopieren nicht Abschreiben! Eine gewisse Eleganz ist erforderlich. Man muss seine Ideen schon noch selbst entwickeln, aber man braucht keine Angst zu haben, dass es das schon geben könnte. Plagiate sind schlecht! Kollegen beim Plagiieren zu ertappen, ist peinlich (so geschehen vor nicht allzu langer Zeit, im Fahrwasser des Erfolgs der Outlander-Reihe mischte jemand ebendiese mit dem alten Film „Ein Goldfisch fiel ins Wasser“ – ich konnte es nicht lesen, weil es so schrecklich war). Anspielungen und Hommagen dagegen sind charmant. Ach ja, wie so oft ist es eben ein dünner Grad und erfordert Feingefühl.

P.S.: Nichts von dem, was ich hier geschrieben habe, ist neu oder wurde noch nie gedacht. Es ist alles nur meine ganz eigene, persönliche, von mir interpretierte Kopie.😉