Tierarzt Dr. Klaus Küssel – der Arzt, dem die Tiere vertrauen – Folge 1

Das Skalpell glitt scheinbar ohne Widerstand durch die Haut. Ein leises Wimmern entfuhr dem Patienten, doch er war ausreichend narkotisiert und verspürte keine Schmerzen. Dr. Küssel stand der Schweiß auf der Stirn, während er konzentriert und zügig arbeitete. Sabine, seine unersetzliche Assistentin, tupfte ihm mit einem angenehm kühlen Tuch das Gesicht ab. Bewundernd schaute sie ihm zu, wie er die nötigen Schnitte ausführte und schließlich die Wunde perfekt zunähte. Als der letzte Stich getan und der Faden abgeschnitten war, zog der Arzt erleichtert die Handschuhe aus und ließ kaltes Wasser über seine kräftigen, braungebrannten Unterarme laufen.

„Danke, Sabine! Ich schätze, Ludwig III. wird jeden Moment aufwachen. Sagen Sie doch bitte der Gräfin, sie kann hereinkommen und ihn dann gleich mitnehmen.“ Sabine eilte ins Wartezimmer. Eine elegant gekleidete Dame saß dort mit übereinandergeschlagenen Beinen und blätterte gelangweilt in einem Segeljournal. Sie trug ein hellgelbes Seidenkostüm und dazu passend handgefertigte Schuhe, eine extrem teure Handtasche sowie einen Hut, der ihr makelloses Gesicht auf einzigartige Weise zur Geltung brachte. Auf Sabines dezenten Hinweis hin erhob sie sich, warf die Zeitschrift auf einen Stuhl und schritt hüftschwingend in das Behandlungszimmer. „Herr Doktor, wie geht es meinem kleinen Liebling?“ „Sehr gut. Er wird gleich aufwachen.“ Ludwig III. begann wie zur Bestätigung zu zucken und die Gräfin eilte an seine Seite. „War es ein sehr komplizierter Eingriff?“, fragte sie mit gekonntem Augenaufschlag zu dem Tierarzt, der neben sie trat, um seinen Patienten zu begutachten. „Aber nein, so ein kräftiger Hund verkraftet eine Kastration problemlos. Ich verstehe allerdings immer noch nicht, wieso Sie so einem Prachtburschen nicht die Möglichkeit offenhalten wollen, einmal Vater zu werden. Eine Zucht wäre mit ihm nicht ausgeschlossen.“ „War nicht ausgeschlossen. Nein, nein, ich habe diesbezüglich überhaupt keine Ambitionen. Ich möchte keinesfalls, dass er sich mit einer streunenden Hündin abgibt und nichtswürdige kleine Bastarde zeugt. Es wird ihm bei mir an nichts fehlen und so ist es sicherer.“ „Wie Sie meinen. Obwohl ich Ihre Ansicht über die ‘kleinen Bastarde’ nicht teilen kann.“ „Natürlich nicht. Sie müssen ja ein Herz für alle Tiere haben.“ Sie klang ein winziges bisschen spöttisch.

Dr. Küssel hob den jungen Bernhardiner vom Tisch. Der Hund war noch sehr unsicher auf den Beinen, schien jedoch rasch zu Kräften zu kommen. „Die Rechnung schicken Sie mir zu – wie immer, nicht wahr?“ Dr. Küssel nickte. Die Gräfin machte einen Schritt auf ihn zu und sah ihm verführerisch in die Augen. „Möchten Sie heute Abend zu mir aufs Schloss kommen und sehen, wie es ihm geht? Sie könnten zum Essen bleiben.“ Ihr Parfüm stieg ihm in die Nase und benebelte seine Sinne. Er fuhr sich durch sein dichtes braunes Haar, das ihm in die Augen hing. „Nein, wirklich, ich kann nicht. Ich habe noch Hausbesuche zu machen und es wird sicher sehr spät werden. Wegen Ludwig III. brauchen Sie sich überhaupt keine Sorgen zu machen. In zwei Stunden springt er wieder herum, als ob nie etwas gewesen wäre.“ „Mir wäre aber wesentlich wohler, wenn Sie noch einmal nach ihm schauen könnten. Er ist doch so sensibel. Und es macht bestimmt nichts, wenn es ein wenig später wird. Ich esse ohnehin gern spät.“ Ihre besorgte Miene brachte ihn zum Schwanken. „Ich werde sehen, was ich tun kann.“ Er ging zur Tür, um sie der Gräfin und ihrem Hund aufzuhalten. „Bis heute Abend, Herr Doktor.“ Sie rauschte an ihm vorbei, gefolgt von dem schwankenden Bernhardiner.

Sabine hatte während dieser Unterhaltung schweigend am Waschbecken gestanden und Instrumente desinfiziert. Ihr Herz hatte gerast und sie war kreideweiß geworden. Ihre Hände zitterten, sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Diese schamlose Frau! Wollte Dr. Küssel verführen! Aber Klaus – ihr Klaus – würde gewiss nicht auf sie hereinfallen. Er war so intelligent und gebildet, er würde sie durchschauen. Endlich hatte sich Sabine wieder soweit beruhigt, dass sie sich umdrehen konnte. Dr. Küssel stand da, die Hände hinter dem Rücken ineinandergelegt, und schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Er war groß und muskulös. Seine Haare, die immer etwas ungebändigt aussahen, und seine Sommerbräune ließen ihn jungenhaft wirken. Er war bemerkenswert attraktiv und hatte darüber hinaus eine wirkliche Gabe, mit Tieren umzugehen. Sie liebten ihn und es war seine wahre Berufung, Tierarzt zu sein. Nach dem Studium hatte er einige Jahre in einer Tierklinik gearbeitet und erst vor kurzem die Praxis am Rand einer Kleinstadt im Schwarzwald übernommen. Sabine konnte die Augen nicht von ihm wenden.

Mit einem Seufzen kehrte Dr. Küssel in die Realität zurück. „Wer ist der Nächste?“ „Das Meerschweinchen von dem kleinen Erich Huber. Es hat Hämorrhoiden.“ „Nun, dann holen Sie es herein.“

© Simone Ehrhardt