Tierarzt Dr. Klaus Küssel – der Arzt, dem die Tiere vertrauen – Folge 2

Es war bereits dunkel, als Dr. Küssel den Wagen an der Kreuzung anhielt. Er überlegte einen Moment und entschloss sich dann, nach Hause zu fahren. Ludwig III. ging es gut, davon war er überzeugt, und es gab keinen Grund, die Gräfin jetzt noch zu stören. In Gedanken ging er einmal mehr die letzten beiden Fälle durch, die er behandelt hatte. Ein entzündetes Euter bei der besten Milchkuh des Gundtbergschen Hofes war das kleinere Problem. Mit seiner Behandlung und den Anweisungen, die er dem Bauern gegeben hatte, müsste Patrizia in drei bis vier Tagen wieder beschwerdefrei sein. Aber sein letzter Besuch hatte ihn ziemlich mitgenommen. Eine der Württemberger-Stuten im Gestüt Wildental hatte ein Fohlen geboren, das zu schwach zum Aufstehen und Trinken war. Mühsam hatten er und der Besitzer, Herr Braunert, versucht, das zarte Geschöpf aufzurichten und zur Mutter getragen, in der Hoffnung, es würde anfangen zu saugen. Aber alle Versuche waren vergeblich gewesen und sie mussten die Milch abpumpen und dem Fohlen einflößen. Das war alles, was sie tun konnten. Dieser Vorgang musste jede Stunde wiederholt werden. Möglicherweise würde das kleine Wesen dadurch gekräftigt werden.

Zuhause angekommen, hörte Dr. Küssel gleich seinen Anrufbeantworter ab. Sabine hatte hinterlassen, dass der erste Patient des nächsten Tages eine halbe Stunde früher als ursprünglich vereinbart kommen würde. Seine Mutter bat um Rückruf. Die Gräfin meldete mit dunkler Stimme, dass sie sich Sorgen um Ludwig III. machte und er auf jeden Fall noch anrufen solle. Beunruhigt wählte er die angegebene Nummer. „Ja?“, hauchte die Gräfin in den Hörer. „Hier Küssel. Sie sagten, mit Ludwig III. stimme etwas nicht?!“ „Oh ja, Herr Doktor. Er schläft ständig. Das kenne ich gar nicht von ihm.“ Dr. Küssel war erleichtert. „Ach, das ist ganz normal. Das kommt noch von der Narkose. Die macht ziemlich müde.“ „Da bin ich aber froh.“ Ein kleiner Seufzer folgte. „Weshalb sind Sie denn nicht vorbeigekommen? Mir wäre gleich viel wohler gewesen, wenn Sie bei mir gewesen wären. Ich hatte solche Angst!“ Dr. Küssel verspürte den Hauch eines schlechten Gewissens. „Es wurde viel später als ich gedacht hatte. Ich nahm wirklich an, dass Sie bestimmt schon schlafen gegangen sind. Ich schlage vor, sie rufen mich morgen noch mal an, um mir zu sagen, wie es Ludwig III geht. Einverstanden?“ Er tat sein Bestes, um besonders zuversichtlich und tröstend zu klingen. „Ja, gerne, Herr Doktor. Schlafen Sie wohl.“ „Ja, danke, Sie ebenfalls. Auf Wiederhören.“

Am nächsten Tag war das Wartezimmer vollbesetzt. Unter den Wellensittichen grassierte die Grippe und Dr. Küssel verordnete so viele Vitaminzusätze wie nie zuvor. Gegen Mittag, als er mit Sabine gerade versuchte, das zerfetzte Ohr einer Katze zu behandeln, klingelte das Telefon. Sabine musste die Katze festhalten, damit sie nicht an dem Ohr kratzen konnte, während Dr. Küssel das Gespräch entgegennahm. „Grüß Gott, hier ist Braunert. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass das Fohlen steht. Es ist gesund und quicklebendig.“ „Das ist ja wunderbar!“ Dr. Küssel freute sich von Herzen. Herr Braunert sprach fröhlich weiter. „Ja, aber die Stute mussten wir notschlachten.“ „Was…?“ Im Hintergrund fluchte Sabine und die Katze fauchte kräftig. „Ja ja, sie hat eine Darmverschlingung bekommen. War wahrscheinlich zu viel für sie. Dann hat sie sich so herumgeworfen, dass sie sich ein Bein gebrochen hat. Das Fohlen konnten wir gerade noch in Sicherheit bringen. Dem geht es prima.“ „Aber warum…“ Die Katze sprang auf die Gabel und unterbrach das Gespräch.

Die Augen des Tierarztes waren feucht, als er mit dem ausgerückten Patienten zum Behandlungstisch zurückkehrte. Sabine versorgte gerade ein paar lange Schrammen auf ihrem Arm. Sie sah ihn an. „Meine Güte, Herr Dr. Küssel, ist etwas passiert?“ Der Anblick seines gramvollen Antlitzes schnürte ihr die Kehle zu. Der Doktor schüttelte den Kopf. Dann erzählte er, was er gerade erfahren hatte. Schließlich konnte er nicht mehr verhindern, dass die Tränen über sein schönes Gesicht strömten. Schluchzend stand er da, hilflos wie ein kleiner Junge. Sabine zerriss es beinahe das Herz. Sie nahm ihm vorsichtig die Katze ab, die in Richtung Ausgang davonsprang. Nach kurzem Zögern legte sie ihm die Hände auf die Schultern. Dr. Küssel presste sie an sich und barg sein Gesicht an ihrem Hals, wo er hemmungslos weinte. Sabine konnte sich kaum bewegen, versuchte aber, ihm sanft übers Haar zu streichen. Bald hatte er sich soweit beruhigt, dass er sprechen konnte. „Ich fühle mich so schuldig. Wäre ich nur dortgeblieben – ich hätte die Stute retten können.“ „Das konnten Sie doch nicht ahnen. Das war nicht vorhersehbar. Solche Komplikationen sind unglaublich selten.“  Er sah auf. „Na ja, wenn Sie meinen…“ Er schnäuzte sich die Nase. „Sie haben wohl recht. Wo ist die Katze?“ Er schaute in den Spiegel, um zu sehen, ob er so seinen Patienten gegenübertreten konnte. Keine Schwellung, keine Rötung, die Augen waren so klar und strahlend wie immer.

„Ich hole sie“, sagte Sabine und eilte davon, weil aus dem Wartezimmer plötzlich lautes Vogelgekreische und Miauen zu hören war. Ihr war, als schwebte sie auf Wolken, während sie freundlich lächelnd versuchte, die Herrchen und Frauchen zu besänftigen und gleichzeitig die Katze zu erwischen. Endlich hatte sie sie am Genick und brachte sie freudestrahlend ins Sprechzimmer zurück.

© Simone Ehrhardt