Tierarzt Dr. Klaus Küssel – der Arzt, dem die Tiere vertrauen – Folge 3

Kurze Zeit später rief die Gräfin an. Sie wiederholte ihre Einladung zum Abendessen und Dr. Küssel hatte gar keine Möglichkeit, nicht anzunehmen, da er an diesem Abend frei war. Sabine, die das Gespräch an einem Nebenapparat mitgehört hatte, grämte sich schrecklich. Sie fürchtete um die Reinheit ihres angebeteten Chefs. Sie hatte genügend Gerüchte gehört, um zu wissen, dass die Gräfin bislang jeden Mann um den Finger gewickelt hatte, den sie wollte. Und sie wollte viele, sie war unersättlich. Dr. Küssel machte einen vertrauensseligen Eindruck. Er war stets bereit, das Gute in allen Menschen zu sehen und alles zu glauben. Misstrauen war seiner Natur fremd. Sabine wollte ihn beschützen vor dieser Frau, aber sie wusste nicht wie. Sie beschloss, ihn wenigstens zu warnen.

Als sie am Nachmittag fast fertig waren mit dem Aufräumen des Sprechzimmers, brachte sie die Sprache auf dieses Thema. „Herr Dr. Küssel, es gibt etwas, das sie über die Gräfin wissen sollten.“ „So, und was ist das?“ Er zog seinen weißen Kittel aus und hängte ihn in den Eckschrank neben der Tür. „Naja, sie hat hier nicht gerade den besten Ruf. Sie hat sehr viele… Männerbekanntschaften.“ „Das ist doch nichts Schlimmes. Schließlich ist sie eine attraktive Frau.“ Sabine hängt ihren Kittel ebenfalls weg und blieb neben dem Doktor stehen. Sie sah ihm ernst in die Augen. „Sie verstehen nicht. Sie hat sehr viele Affären. Es ist, als würde sie Männer sammeln.“ Dr. Küssel lachte und fasste sie an den Schultern. „Sie machen sich doch nicht etwa Sorgen um mich? Keine Angst, die Gräfin wird mich schon nicht verführen. So, und nun muss ich los. Schönes Wochenende!“ Damit ging er hinaus. Sabine sah ihm traurig nach und gab sich noch eine Weile dem Gefühl seiner Hände auf ihren Schultern hin.

Nachdem er sich geduscht und rasiert hatte, zog Dr. Küssel ein frisches weißes Hemd mit kurzen Ärmeln und eine helle Leinenhose an. Dann fuhr er in seinem Cabrio zum Schloss. Er war noch nie zuvor dort gewesen und war beeindruckt von dem prächtigen Bau. Er parkte in der riesigen Auffahrt und klingelte. Drinnen hörte er Ludwig III. bellen und gleich darauf wurde die Tür von einem Butler geöffnet. Der Bernhardiner sprang um ihn herum, während Dr. Küssel das Schloss betrat. In der Eingangshalle wurde er zum Warten aufgefordert und nachdem der Butler verschwunden war, schaute der Tierarzt sich um. Die Einrichtung war elegant, aber keineswegs protzig. Am bemerkenswertesten war die Größe des Raumes.

„Gefällt Ihnen mein Heim?“ Die Gräfin trat zu ihm und reichte ihm die Hand. „Ganz ausgezeichnet. Leben Sie allein hier? Es ist alles so groß.“ „Nun, nicht völlig allein. Ich habe ein paar Angestellte und einen Hund, wie Sie wissen.“ Mit einem geduldigen Ausdruck lächelte sie ihn an. Dr. Küssel konnte nicht anders, als sie zu bewundern. Sie trug ein enges schwarzes Kleid, das ihre vollkommene Figur wunderbar betonte. Eine schlichte Perlenkette zierte ihr tiefes Dekolleté und die langen blonden Haare hatte sie zu einem Knoten im Nacken zusammengesteckt. Ein verlockender Parfümhauch umschmeichelte sie.

Dr. Küssel ergriff dankbar das angebotene Thema und erkundigte sich weit ausführlicher als gewöhnlich nach dem Befinden des Bernhardiners. Währenddessen führte ihn die Gräfin ins Speisezimmer, das ebenfalls eher einem Saal glich. Eine lange Tafel befand sich dort, und an deren der Fensterfront zugewandtem Ende waren zwei Gedecke einander gegenüber aufgelegt. Zwei Türen waren weit geöffnet und ließen eine leichte Sommerbrise und die süßen Düfte der Blumenwiese herein, die an die Terrasse grenzte. „Es ist wie im Paradies hier. Während draußen die Sommerhitze drückt, ist es hier drinnen angenehm kühl.“ Die Gräfin stimmte ihm zu und ließ zwei Cocktails kommen. Dr. Küssel spürte die Wirkung des Alkohols beinahe sofort. Er trank nicht oft und hatte zudem noch nichts gegessen. Er fühlte sich ein wenig schwindelig, aber angenehm entspannt. Nachdem sie sich hingesetzt hatten, wurde das Essen serviert. Ein ganzes Menü wurde aufgetragen und es schmeckte köstlich.

Die Unterhaltung verlief ruhig und unaufdringlich. Die Gräfin zeigte sich außerordentlich interessiert an seinem bisherigen Werdegang und Dr. Küssel erzählte bereitwillig, was es zu erzählen gab, beschwingt durch den Champagner, der golden in seinem Glas perlte und nicht leer wurde.

© Simone Ehrhardt