Tierarzt Dr. Klaus Küssel – der Arzt, dem die Tiere vertrauen – Folge 4

Nach diesem wunderbaren Mahl, das mit einer Crème de Champagne beendet wurde, erhob sich die Gräfin und legte eine CD ein. Das Personal hatte sich zurückgezogen, nachdem die Tafel abgeräumt war, und sie waren nun völlig allein. Sie streckte ihm eine Hand entgegen. „Tanzen Sie mit mir!“ Dr. Küssel konnte nicht ablehnen, er wollte nicht unfreundlich sein. Er erhob sich und nahm steif und unsicher Tanzhaltung ein. Der langsame Blues, den die Gräfin aufgelegt hatte, schien ihm ein wenig gefährlich. Sie bewegten sich zur Musik und langsam fühlte sich der Tierarzt sicherer. Er liebte Musik sehr, hatte aber lange Zeit nicht mehr getanzt. Erleichtert stellte er fest, dass er sich nicht blamierte. Die Gräfin schmiegte sich näher an ihn. Ihr Haar duftete und sie fühlte sich wundervoll an. Ihr Körper war warm und kühl zugleich, geschmeidig lag sie in seinen Armen und hielt ihn umschlungen, den Kopf an seiner Schulter. Er hielt ihre schmale Taille umfaßt und fühlte das Begehren in sich aufsteigen.

Endlich war die Musik vorbei. Das nächste Stück war lebendiger und Dr. Küssel nutzte die Gelegenheit zu einer Ablenkung. „Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir in den Garten gehen? Mir ist etwas warm geworden durch das Essen und das Tanzen.“ „Aber nein, gar nicht. Es wird draußen erfrischend sein.“ Sie ging voran, über die Terrasse auf den weichen Rasen. Ringsherum waren blühende Büsche, Blumen, Nischen mit Bänken, die zum Verweilen einluden, ein bewachsener Laubengang, selbst ein kleiner Brunnen war da, in dem eine Fontäne munter sprudelte. Betörende Düfte durchwoben die samtige Nachtluft. Es war immer noch warm, aber nicht mehr heiß und deshalb sehr angenehm. Sie schlenderten umher, lauschten dem Froschkonzert am nahen Weiher und redeten nicht viel. Ab und zu berührten sich ihre Hände. Die Gräfin blieb stehen, um den Brunnen zu betrachten. Dr. Küssel stand hinter ihr und bewunderte ihren Nacken und die bloßen Schultern. Wie herrlich glatt und weich ihre Haut aussah, wie verführerisch ihr Kleid. Abrupt drehte sie sich um. Sie standen so dicht voreinander, dass jeder den Atem des anderen spüren konnte. Sie hob ihr Gesicht zu ihm auf und lächelte ihn an. Sie fuhr ihm durchs Haar und zog ihn zu sich herunter. Sein Herz pochte viel zu laut, als seine Lippen auf die ihren trafen. Ludwig III. rannte bellend an ihnen vorbei und verschwand in der Dunkelheit. Es gab kein Halten mehr, Dr. Küssel war Wachs in den Händen der Lust. Sie taumelten auf die Blumenwiese, während ihre Küsse immer fordernder und wilder wurden. Er löste ihr Haar, sie öffnete sein Hemd. Er riß den Reißverschluss ihres Kleides auf, sie den seiner Hose. Sie sanken ins Gras, hingegeben an ihre Leidenschaft, und brachten zu Ende, was nicht mehr aufzuhalten war.

Als die Sonne aufging und die Vögel ihr Morgenkonzert anstimmten, erwachte Dr. Küssel fröstelnd. Er war umgeben von taubedeckten Blumen und achtlos hingeworfenen Kleidungsstücken. Die Gräfin lag neben ihm und schlief fest. Er sammelte auf, was ihm gehörte, und zog sich schwerfällig an, denn sein Kopf fühlte sich wie mit Beton gefüllt an, und ihm war schwindlig. Die Kleider waren feucht und zerknittert und – was besonders bedauerlich war – hatten Grasflecken. Am Brunnen erfrischte er sich mit kaltem Wasser, was zumindest den Schwindel vertrieb und ihm klarere Gedanken bescherte. Hatten sie tatsächlich hier auf der Wiese die Nacht verbracht, gekleidet wie Adam und Eva? Er versuchte, sich zu erinnern, was alles passiert war, während er um das Haus herum zu seinem Auto ging. Als er hinter dem Lenkrad saß, den vertrauten, leicht muffigen Geruch einatmete und den Motor startete, war ihm schon viel wohler zumute. Langsam kam auch die Erinnerung wieder. Er hätte nicht so viel Champagner trinken dürfen, er wußte doch, dass er kaum etwas vertrug.

Als er auf die Landstraße fuhr, kamen ihm siedendheiß Sabines Worte ins Gedächtnis. Sie hatte es gewusst und ihn warnen wollen. Aber er war trotzdem in die Falle getappt. Immerhin hatte er großartig gegessen und Spaß gehabt. Dann fiel ihm ein, dass er nicht einmal den Vornamen der Gräfin wusste.

© Simone Ehrhardt