Tierarzt Dr. Klaus Küssel – der Arzt, dem die Tiere vertrauen – Folge 8

„Willst du mir nicht endlich sagen, dass du mich liebst?“ Er wich entsetzt zurück. „Wegen letzter Nacht? Wie kommst du darauf, dass ich dich liebe?“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Du hast mit mir geschlafen. Ich war noch Jungfrau. Ich habe alles für dich geopfert.“ Sie wurde immer lauter. Dr. Küssel riss sich aus ihrem Griff und taumelte zur Tür, um sie zu schließen. „Aber deswegen liebe ich dich doch nicht. Wie kommst du nur darauf?“ Seine Haare fielen ihm in die Augen. „Man schläft miteinander, weil man sich liebt. Ist das so schwer zu verstehen?“ Sabine kreischte hysterisch, so laut sie konnte. Mit einem Schwung fegte sie ein Regal leer. Die Teile schepperten auf den Boden, ein Reagenzglas zerbrach. „Aber nein, Du wolltest doch unbedingt. Ich hatte gar keine Wahl.“ Er war völlig ruhig und verständnislos. „Du Schwein! Du egoistisches Schwein!“ Die Kinder im Wartezimmer kicherten und der Dackel wedelte kurz mit dem Schwanz. Sabine gab Dr. Küssel eine schallende Ohrfeige. Dann brüllte sie: „Ich kündige!“ in sein Gesicht und rannte heulend hinaus.

Während er die beiden Tiere behandelte, zerbrach sich Dr. Küssel unentwegt den Kopf darüber, wo er eine neue Assistentin herbekommen sollte. Am besten würde er wohl eine Zeitungsanzeige aufgeben. Das tat er dann auch. Leider meldete sich nur eine einzige Bewerberin und da er nach einigen Tagen allein kaum noch mit der Arbeit zurechtkam, stellte er sie ein. Es war höchste Zeit, denn die Praxis lief wieder besser, seit es merklich kühler geworden war, und es musste sich dringend jemand um die Organisation kümmern. Frau Häberle war in den Fünfzigern, hatte einen verbitterten Gesichtsausdruck und trug ihre halb schwarzen, halb grauen Haare stets in einem makellosen Dutt. Wadenlange Röcke und hochgeschlossene Blusen waren ihre ständige Kleidung.

Dr. Küssel kam spät in die Praxis an diesem Septembermorgen, weil er auf der Beerdigung des Bauernsohnes gewesen war, der bei der Bergung des verunglückten Schafes geholfen hatte. Er hatte wochenlang mit dem Tod gekämpft und war schließlich an einer Lungenembolie verschieden. Als Dr. Küssel die Tür öffnete, sprang ihm Ludwig III. entgegen. Er war schwerer geworden und warf den Tierarzt mit einem Schwung zu Boden. Glücklich japste der Bernhardiner und leckte hingebungsvoll das freudestrahlende Gesicht des Doktors, während dieser kräftig das glänzende Fell streichelte. Die innige Begrüßung wurde unterbrochen, als die Gräfin neben den beiden auftauchte, elegant wie immer, und ihre makellosen Beine in Augenhöhe Dr. Küssels stehenblieben. Er schob den Hund von sich und stand auf. Er wusste nicht, ob er sich freuen oder sorgen sollte. Die Gräfin lächelt ihn an und küsste ihn zur Begrüßung auf beide Wangen. „Klaus, schön, dich zu sehen.“ Dr. Küssel zögerte. Er hatte noch immer keine Ahnung, wie der Vorname der Gräfin war. „Ich freue mich ebenfalls“, sagte er dann. „Ich habe Neuigkeiten für dich“, entgegnete sie, hakte sich unter und ging mit ihm in Richtung des Behandlungszimmers. Frau Häberle runzelte die Stirn, als sie eintraten. „Frau Gräfin, Sie sind noch nicht an der Reihe“, sagte sie in eisigem Ton. „Das macht nichts. Ich muss den Doktor privat sprechen.“ Damit schleppte sie ihn weiter in sein Privatbüro.

© Simone Ehrhardt