Die Honorarfrage bei Lesungen

Ebenfalls auf Facebook habe ich diesen witzigen Artikel von Carla Berling gefunden: „Aber Sie werden doch berühmt!“ Darin geht es um die nette Idee einiger Veranstalter, dass sie AutorInnen einladen könnten, die dann ohne Honorar lesen sollen. Das ist natürlich ganz schön dreist, denn von wem erwartet man schon, dass er umsonst arbeitet oder vielleicht sogar noch etwas dafür bezahlt, dass er arbeiten darf?!

Lesen macht Arbeit
Eine Lesung ist normalerweise mit viel Arbeit verbunden. Begonnen damit, dass der/die Autor/in irgendwann einmal die Texte produziert, die er/sie bei einer Lesung vorträgt, und dabei kann es sich um Stunden, Tage, Wochen, Monate und manchmal sogar Jahre handeln.

Für die Vorbereitung eines Lesetermins sind zunächst einmal verschiedene Punkte mit dem Veranstalter zu klären – was soll gelesen werden (Thema!), wer macht die Pressearbeit bzw. was kann der/die Autor/in dazu beitragen (Raussuchen von Fotos, bereits erschienen Artikeln, Pressemitteilungen, Ausdenken von Veranstaltungstiteln, Pressetexten usw.), wird ein Büchertisch gewünscht, was braucht der Lesende (Lampe, Mikro, Wasser, Tisch und Stuhl oder Stehpult).

Als Nächstes wird auch der/die Autor/in sich bemühen, den Lesetermin bekannt zu machen, muss ihn also eintragen auf diversen Webseiten, Terminplanern, Veranstaltungskalendern etc.

Wenn der Termin unmittelbar bevorsteht, müssen die Texte ausgesucht werden, meistens noch einmal laut gelesen und dabei wird die Zeit gestoppt, damit man sich an den vorgegebenen Rahmen hält. Die Bücher für den Büchertisch müssen gerichtet (evtl. erst noch besorgt) und eingepackt werden. Dazu kommt u.U. Dekoration, die man sich überlegen und verpacken muss. Gibt es ein Quiz, muss man sich auch das noch ausdenken.

Zur Vorbereitung gehört genauso die Ausstellung gewisser „Dokumente“ wie eine Rechnung, Flyer, eine Liste, in der sich Leute eintragen können, die gerne den Newsletter hätten, eine aktuelle Preisliste der ausgelegten Bücher …

Der Tag ist da und man muss anreisen. Aufbauen. Lesen. Bücher verkaufen, mit Leuten reden. Abbauen. Heimfahren.

Zum Schluss die Nachbereitung: Bücherbestand überprüfen, notieren, was man verkauft und wie viel man eingenommen hat, evtl. Bücher nachbestellen, spätestens jetzt die Rechnung fertigmachen und verschicken. Auspacken und wegräumen.

Honorar oder nicht
Manchen AutorInnen entfährt ein entrüsteter Aufschrei, wenn ein/e Kollege/in sagt, dass er/sie auch ohne Honorar liest. Angeblich würde man damit den anderen das Geschäft kaputt machen. Ich sehe das nicht so eng, ich glaube viel eher, dass sich die Honorarfrage mit der Zeit von alleine regelt. Wenn man anfängt, Lesungen zu halten, hat man noch keine Erfahrung und kann vermutlich ohnehin nicht so viel Honorar verlangen wie ein erfahrener Autor. Das ist in jedem Berufszweig so. Und wenn jemand erst einmal ohne Honorar lesen möchte, weil er (gilt auch immer für sie) jede sich bietende Gelegenheit nutzen möchte – warum auch nicht? Es ist gut, Erfahrungen zu sammeln.

Ohne Honorar zu lesen kann Spaß machen. Man kann sich z.B. mit Leuten zusammentun, die das aus reiner Freude betreiben und nicht, um damit Geld zu verdienen. Ich war eine Zeitlang bei der LeseZeit und habe mit dieser Gruppe schöne Lesungen durchgeführt. Der Vorteil war auf jeden Fall, dass sich jemand um Termine gekümmert hat und ich damit etwas entlastet wurde. Und ich habe immer auch gute Texte von den anderen Mitgliedern der Gruppe gehört und mitbekommen, wie diese ihre Werke vortragen.

Wenn man ohne Honorar liest, erlebt man Veranstalter, die sich für die Sache begeistern und engagieren, und man erlebt Veranstalter, die sich nicht kümmern und denen die Lesung ziemlich egal ist, weil es sie ja nichts kostet. Aber das sind Erfahrungen, die nicht groß schaden und einen weiser machen. Man kann auch nicht pauschal sagen, alle Lesungen ohne Honorar wären so oder so; es hängt wirklich sehr vom Veranstalter ab. Übrigens ist auch nichts gegen eine Lesung ohne Honorar zu sagen, wenn es sich um einen wirklich guten Zweck handelt. Da kann man in der Regel davon ausgehen, dass sich die Organisatoren hinter ihr Anliegen stellen und sich um eine erfolgreiche Veranstaltung bemühen.

Bitte mit Honorar
Irgendwann kommt der Punkt, an dem man nicht mehr ohne ein Honorar lesen möchte, von ganz alleine. Spätestens dann, wenn man immer mehr Zeit, Arbeit und Geld reinsteckt und das Gefühl hat, es sollte doch eigentlich andersherum sein, dass man nämlich damit Geld einnimmt. Wenn Anfragen kommen, ohne dass man sich darum bemühen muss. Wenn man das Gefühl hat, genug Erfahrungen gesammelt zu haben und sein Geld wert zu sein. Wenn man mehr Bücher verkauft und langsam bekannter wird. Wenn einem seine Zeit zu schade ist, um sie bei Lesungen zu verbringen, die dem Veranstalter nichts wert sind. Wenn, wenn, wenn …

Dann bleibt nur noch die Frage nach der Honorarhöhe. Die, wiederum, ist nicht so leicht zu beantworten. 😉

Hier ein Link zu der Honorarempfehlung des Verbands deutscher Schriftsteller in Sachsen.