Die Vampirlady und der Kommissar

Frau Räther schien schon gereizt zu sein, als sie die Tür öffnete, und als sie die vielen Polizisten sah, erinnerte sie an einen Vulkan unmittelbar vor dem Ausbruch. Sie beherrschte sich jedoch und fragte: „Haben Sie Verstärkung mitgebracht, damit sie alle Bücher auf fehlende Stücke untersuchen können?“

„So ähnlich.“ Er hielt ihr den Durchsuchungsbeschluss hin, den sie aufreizend langsam und gründlich durchlas.

„Dachten Sie daran, zum Abendessen zu bleiben?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich hoffe, wir sind vorher fertig. Können wir?“

Sie machte den Weg frei und ließ das ganze Team eintreten. „Brauche ich jetzt einen Anwalt?“, fragte Frau Räther, wobei sie ihn mit einem unterschwelligen Vergeltungswunsch in den Augen ansah. Weniger fühlte sich uralt und gepeinigt, ihm war, als würde diese Frau ihm alle Kraft entziehen. Vielleicht war sie selbst eine Art Vampir.

„Kommt ganz darauf an, was wir finden“, meinte er und ließ sie stehen. Aber so schnell wollte die Schriftstellerin nicht aufgeben.

„Und was suchen Sie? Die Mordwaffe vielleicht? Die Messer sind in der Küche!“ Sie heftete sich an seine Fersen und dachte nicht daran, folgsam irgendwo zu warten, bis er mit seiner Aufgabe fertig wäre.

„Kann ich Ihnen nicht sagen.“ Er stellte sich vor, wie sie gefesselt und geknebelt in einer Ecke kauerte und ihn seine Arbeit tun ließ; das half ihm, ruhig zu bleiben. Wohin er auch kam, waren schon Kollegen zugange. Gab es denn nirgendwo ein noch unbesetztes Fleckchen in dieser Wohnung, wo er sich mit dem Durchwühlen von Privateigentum von der Frau an seinen Hacken ablenken konnte?

„Wirklich, Herr Weniger, Sie enttäuschen mich. Gestern hatte ich den Eindruck gewonnen, Sie wären einigermaßen vernünftig, wenn Sie sich anstrengen, und nun kommen Sie und stellen mein Appartement auf den Kopf. Warum verschwenden Sie Ihre und meine Zeit? Suchen Sie lieber endlich nach dem wahren Täter! Ich bin es nicht, das versichere ich Ihnen!“

Weniger blieb stehen und drehte sich zu ihr um. „Frau Räther, ich tue hier nur meine Arbeit. Also stören Sie mich nicht. Setzen Sie sich doch in die Küche oder ins Wohnzimmer, oder noch besser in den Garten und warten Sie, bis wir fertig sind. Ich verspreche auch, dass wir keine allzu große Unordnung machen.“

„Ha!“, tönte Frau Räther und folgte ihm in den nächsten Raum. Weniger blieb unschlüssig stehen.

„Eigentlich hatte ich gedacht, dass Sie mein Schlafzimmer unter erfreulicheren Umständen kennenlernen“, kam es bissig von seinem Anhängsel. Jan sah kurz auf und grinste, aber als er den Blick seines Kollegen sah, widmete er sich schnell wieder dem Kleiderschrank. Weniger flüchtete ins Arbeitszimmer hinüber, die Vampirlady klebte weiter an ihm.

„Also, was ist nun, reden Sie mit mir oder nicht?“, schnaubte sie wütend. Im Badezimmer legte er eine erneute Unterbrechung seines Rundgangs ein.

„Es gibt nichts zu sagen, Frau Räther, außer, Sie möchten vielleicht ein Geständnis ablegen …?“ Sie sah ihn gewohnt verbiestert an, aber dann entdeckte er ein kurzes Aufglimmen von Furcht in ihren Augen. Er spürte, wie etwas in ihm ein wenig milder und sanfter wurde, aber das wollte er nicht, denn diese Frau war ein Drache! Er hoffte von Herzen, dass sie dieses grüne Buch nicht bei ihr finden würden, denn dann müsste er sie verhaften und verhören, und das würde schrecklich werden. Jede Minute mit dieser Person kostete ihn vermutlich eine Stunde Lebenszeit. Andererseits wäre es so perfekt, das Buch zu finden, dann hätten sie ein Indiz und ein hinreichendes Motiv aus einer Hand. Fall gelöst.

„Ich habe nichts zu gestehen“, zischte sie, jetzt bleich im Gesicht. „Haben Sie denn keine anderen Verdächtigen?“

Weniger zog die Augenbrauen hoch. „Keine so guten wie Sie.“ Es hörte sich fast an wie ein Kompliment, doch Frau Räther hatte dafür momentan kein Ohr.

„Sie müssen irgendetwas übersehen haben! Es muss noch mehr Hinweise geben. Vielleicht lassen Sie mich mal die Akten und das ganze Zeug sehen“, schlug sie vor und schien es auch noch ernst zu meinen. Er wurde sauer, weil sie dachte, sie könnte seinen Job besser erledigen als er.

„Auf gar keinen Fall. Ich werde doch einer Verdächtigen nichts über den Stand der Ermittlungen verraten!“ Sein Blick fiel auf einen elektrischen Heizkörper. „Wer macht hier eigentlich Reparaturen und Installationen? Handwerker? Oder Sie selbst?“

Sie schaute ihn mitleidig an. „Brauchen Sie jemanden, der bei Ihnen eine Schraube festzieht?“

Er zählte innerlich bis fünf. „Ich warne Sie, Frau Räther, treiben Sie es nicht zu weit, sonst lasse ich Sie wegen Beamtenbeleidigung und Behinderung der polizeilichen Ermittlung festnehmen. Antworten Sie bitte auf meine Frage.“

„Kommt darauf an, was es ist. Glühbirnen kann ich selbst auswechseln, Stecker in Steckdosen stecken auch, und manchmal repariere ich sogar etwas. Aber für alles andere lasse ich einen Handwerker kommen.“

„Was haben Sie früher gemacht? Ich meine beruflich, bevor Sie Schriftstellerin wurden.“

„Ich habe mein Leben lang als Zahnarzthelferin gearbeitet.“

„Haben Sie spezielle Kenntnisse in Elektronik?“

„Mit anderen Worten: Kann ich eine Bombe basteln?“

Er knirschte mit den Zähnen. „Ganz recht. Können Sie?“

Sie schüttelte fast erheitert den Kopf. „Nein, Herr Kommissar, und ich hatte auch noch nie den Wunsch. Obwohl, wenn ich es recht bedenke, hätte ich ganz gern das eine oder andere Mal etwas bei meinen Vermietern ins offene Fenster geworfen. Aber ich habe es nicht. Jahrelang nicht, also, warum sollte ich jetzt auf einmal meine Meinung ändern?“

„Sagen Sie es mir – gab es irgendeinen Anlass? Ist in letzter Zeit etwas passiert, etwas Ungewöhnliches, etwas, was jemanden, in dem sich jahrelang die Wut aufgestaut hat, dazu veranlassen könnte, zur Tat zu schreiten?“

Sie runzelte die Stirn und gab vor, angestrengt nachzudenken. „Nein, ich wüsste nicht.“

Ein Kollege kam ins Badezimmer, um es zu durchsuchen, und sie gingen hinaus, um ihm nicht im Weg zu stehen.

„Was ist denn mit der anderen Möglichkeit?“, fragte Frau Räther, als sie sich erneut an Wenigers Fersen heftete.

„Welche andere Möglichkeit?“, fragte er zurück.

„Dass mir jemand diese Taten anhängen will. Gehen Sie dem eigentlich richtig nach?“

„Ich habe Sie doch gefragt, ob Sie jemanden wüssten, der Ihnen schaden will, aber Sie haben mir niemanden genannt.“ Sie kamen ins Wohnzimmer.

„Ja, aber das heißt doch nicht, dass es den nicht gibt! Wenn jemand mir wirklich auf diese Weise etwas heimzahlen wollte, würde er mir das vorher kaum mitteilen, oder?“

Er wandte sich zu ihr um und sah ihr fest in die Augen. „Frau Räther, wir alle tun, was in unserer Macht steht. Aber mehr als Leute befragen und Spuren auswerten und ihnen nachgehen können wir nicht. Keiner von uns kann hellsehen oder die Verstorbenen zur Rede stellen, und foltern dürfen wir nicht. Ich sagte Ihnen schon: Falls Ihnen irgendetwas einfällt, melden Sie sich!“

Die Schriftstellerin ließ ihn endlich allein, um sich einen Kaffee zu machen, und Weniger beteiligte sich an der Durchsuchung, allerdings war alle Mühe vergeblich, denn sie fanden nirgendwo ein kleines grünes Buch. Es gab auch keine Amorus-Romane, in denen Seiten herausgerissen oder beschädigt waren. Eine Kiste voll mit Silvana Sanders Romanen nahmen sie mit, um jedes davon gründlich und in Ruhe zu inspizieren. Frau Räther versicherte, dass das außer ihren Leseexemplaren sämtliche Bücher waren, die sie hatte.

Als alle Kollegen abgezogen waren, verabschiedete sich Weniger an der Wohnungstür von seiner Hauptverdächtigen. Sie sah trotz allem mitgenommen aus.

„Sie wissen ja, ich gehe jedem Hinweis nach, egal wie klein und unbedeutend. Rufen Sie mich an, wenn Ihnen etwas auffällt.“

„Ja, natürlich. Ich nehme an, Ihre Suche war umsonst, da sie mich nicht verhaften wollen.“

„So ist es.“

Sie kniff ärgerlich die Augen zusammen. „Wird das noch öfter passieren?“

Er setzte sein Pokerface auf. „Ich hoffe nicht.“

Sie verschränkte die Arme und sah ihm nach, bis er im Auto saß. Selbst auf diese Entfernung erschöpfte sie ihn.

aus: Mannheimer Blut

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