Die Moden des Schreibens

Erzählerspektiven

Wer hätte es gedacht – sogar das Schreiben unterliegt Modeströmungen. Vollkommen out – soweit ich weiß, war die letzte Hochsaison dafür in den 50er-Jahren – ist die Perspektive des allwissenden, beurteilenden (auktorialen) Erzählers. Der moderne Schriftsteller bedient sich einer personalen Erzählweise, d.h. er schildert das Geschehen aus dem Blickwinkel einer Figur, vorzugsweise der Hauptfigur. Damit kann man nette Sachen anstellen, z.B. Leser an der Nase herumführen, indem man ihnen vorgaukelt, ein Mensch erzählt, und am Schluss entpuppt sich der Protagonist als Katze. Oder eine Nebenfigur berichtet so gut wie nichts über sich, nur über die anderen Figuren, und am Ende stellt sich heraus, dass eben jener Erzähler der Mörder ist! Momentan ist es beliebt, aus der Sicht von Verstorbenen zu erzählen. Die Fortgeschrittenen (oder ambitionierten) Schriftsteller erzählen ihre Romane aus den Perspektiven mehrerer Figuren heraus, immer abwechselnd, und das kann schwierig werden, wie ich seit Lehrer sterben schöner selbst weiß – fünf Hauptfiguren und alle müssen zu Wort kommen.
Die personale Erzählperspektive birgt einige Tücken, die man spätestens kennenlernt, wenn die Lektorin zum wiederholten Mal neben den Text schreibt „falsche Perspektive“, „kann er nicht wissen“ usw.
Außerdem gibt es noch die Ich-Perspektive, in der der Erzähler in der Ich-Form schreibt (z.B. meine Penelope-Plank-Krimis). Die Ich-Perspektive ist eine absolute Geschmackssache. Bei Diskussionen dazu liest man sehr oft, dass LeserInnen es nicht mögen, wenn ein Buch in dieser Form geschrieben ist. Andere mögen es oder es ist ihnen egal. Ich lese solche Bücher sehr gern und ich schreibe auch immer wieder aus der Ich-Perspektive, allerdings finde ich, dass das sehr von der Geschichte abhängt, ob das passt oder nicht. Für mich macht es z.B. Sinn, wenn meine Figur sehr ausgeprägt ihre Gedanken und Meinungen kundtun soll; das geht mit einem Ich-Erzähler einfach besser.
Zur Vollständigkeit will ich auch noch die neutrale Erzählperspektive erwähnen, die aber (für mich) keine große Rolle spielt. Ich könnte mich an kein konkretes Buch in dieser Erzählweise erinnern. Neutral bedeutet, dass der Erzähler wie der allwissende über allem steht und alles sieht, aber lediglich neutral berichtet. Ich bin mir nicht sicher, ob der neutrale Erzähler nicht ähnlich wie der auktoriale auf dem absteigenden Ast sitzt.
Mehr zum Thema findet man bei Bücher-Wiki.

Ganz unten am Artikel noch zwei Fußnoten von mir zu diesem Thema. 🙂

Zeichensetzung

Nach allem, was ich so mitbekomme, soll man jetzt weniger Kommas machen. Spätestens seit der Rechtschreibreform sind ohnehin viele verwirrt, was die Kommaregeln angeht. Früher war das so schön einfach, da hat man ein Komma machen können, wenn es einen Sinn ergeben hat. Jetzt muss man Kommas weglassen, weil sie stören könnten, aber doch welche setzen, um dem Leser Verwirrung beim Lesen zu ersparen. Die Verlage haben da völlig unterschiedliche Hausregeln. Manche machen es so wie früher, andere möglichst sparsam. Da kann mal als Autor durchaus Probleme bekommen. Eins meiner letzten Manuskripte habe ich brav nach der neuen Rechtschreibung verfasst und an den Verlag geschickt. Ich bekam es vom Lektorat zurück mit etwa einer Million zusätzlicher Kommas – kommentarlos. Ich fing an, die überflüssigen Kommas zu löschen. Erst war ich mir gar nicht sicher, ob ich sie da hingesetzt hatte, aber nach und nach wurde mir klar, dass die nicht von mir stammten. Wieder hingeschickt und angemotzt worden, weil ich das ebenfalls kommentarlos zurückgeändert hatte. Alle Kommas wurden wieder reingesetzt und mir ist schleierhaft, wieso ein Verlag, der seine Bücher nach der neuen Rechtschreibung gestaltet, an den alten Kommaregeln klebt.

Ganz vermeiden soll man das: ?! oder !? Sorry, aber darauf kann ich einfach nicht verzichten. Es gibt Sätze oder Aussagen, die nur mit !? den richtigen Effet bekommen. All die Jahre gab es !? und ?! und nun auf einmal soll es verpöhnt sein!? Also, ich weiß nicht …

Noch so eine Sache, die AutorInnen von heute tunlichst vermeiden sollten – den Doppelpunkt vor einer wörtlichen Rede. Beispiel: Erwin sagte: „Lass uns tanzen gehen.“ Das ist schon fast ein Tabu! Besser so: „Lass uns tanzen gehen“, schlug Erwin vor. Oder: Erwin überlegte lange, bevor er einen Vorstoß wagte. „Lass uns tanzen gehen.“ Oder: Grauen erfüllte Erwin. „Lass uns tanzen gehen.“ Seine Stimme zitterte hörbar.

Und die schickeren Anführungszeichen bei wörtlicher Rede sind natürlich >> und << (mit dem richtigen Programm sieht das besser aus als hier im Blog).

Wörter

Ganz besonders out sind angeblich Alliterationen. Wer will das bestimmen? Literaturwissenschaftler? Literaturkritiker? Das Institut für deutsche Sprache? Die vom Duden? Oder die, die nicht wissen, was eine Alliteration ist? Also, Alliteration = gleiche Anfangsbuchstaben. Müde Mücken. Wilde Weine. Konrad Klein. Simone Seel. Trübe Tassen taugen täglich. Nun will man nicht mehr, dass Charakter in Romanen z.B. solche Namen wie Bernd das Brot erhalten. Oder Boris Becker. Penelope Plank? Ich glaube, wenn Gott nicht wollte, dass wir Alliterationen verwenden, hätte er uns keine gegeben. 😉 Immerhin sind das unsere modernen Zaubersprüche – Milch macht müde Männer munter. Oder Reime: Morgenstund hat Gold im Mund (nicht, dass es stimmen würde -bei Sprüchlein dieser Art geht es oft nur um Manipulation). Zaubersprüche deshalb, weil wir sie uns merken können aufgrund ihrer klanglichen Besonderheit. Und ebenso ist eine Alliteration im Namen einer Figur ein exzellentes Stilmittel, um vielleicht ihr besonders pedantisches oder albernes Wesen hervorzuheben. Oder einfach deshalb, weil viele Eltern ihren Kindern tatsächlich Vornamen geben, die denselben Anfangsbuchstaben wie ihre Nachnamen aufweisen – aus dem Leben gegriffen sozusagen.
Es gibt da ja noch etliche andere sehr interessante Fachausdrücke für klangliche Stilmittel, einer davon ist Homoioteleuton. Das kann man kaum aussprechen und ich musste es selbst nachschlagen. Das hier mag ich: Keine Erkenntnis haben, die sich abschleppen mit den Klötzen ihrer Götzen und zu einem Gott flehen, der nicht helfen kann. (Jes. 45, 20) So ähnlich wie ein Reim, aber nicht direkt am Zeilenende oder in einem spezifischen Rhythmus, wie in einem Gedicht. Bei Wikipedia gibt es dazu diesen Beispielsatz von Heinz Erhardt: fade Made ohne Gnade.

Inhalt

Ach ja, also das ist natürlich klar, dass sich die thematischen Vorlieben der Leserschaft verändern. Sehr lange waren Regionalkrimis der Renner, auch noch, als der Buchhandel schon jahrelang prognostiziert hatte, dass der Hype bald aufhört, und ich glaube, sie sind immer noch nicht richtig out. Was immer noch sehr gut läuft, sind historische Romane oder auch Sehnsuchtsromane, also vorzugsweise Liebesgeschichten, die an exotischen Orten spielen (nicht gerade Mannheim oder Köln, eher die Malediven oder Südafrika). Vampirromane erlebten einen unglaublichen Boom. Die gab es ja schon lange, aber nach dem Erfolg der Twilight-Reihe von Stephenie Meyer schossen sie wie Pilze aus dem Boden. Tiere in Hauptrollen, vor allem bei Krimis waren eine Zeitlang angesagt – man denke nur an die ermittelnden Katzen von Rita Mae Brown oder Glenkill von Leonie Swann.
Welche Themen demnächst einen Boom erleben – das weiß keiner, auch nicht die Verlage oder Literaturagenten. Das ist ein einziges Raten – genau wie die nächsten Lottozahlen hätte jeder gern diese Erkenntnis, der mit Büchern Geld verdienen will. Die Harry-Potter-Mania kam aus dem Nichts, unerwartet für Autorin und Verlag. Daran war eigentlich nichts wirklich neu – Geschichten über Zauberer und Hexen nicht, Internatsreihen nicht (eine alte Tradition in good old England) und was die diversen Wesen in den Büchern angeht, hat die Autorin nicht gerade das Rad neu erfunden (was ich gar nicht kritisieren will, denn alle Autoren, die Fantasy schreiben, bedienen sich gern der wohlbekannten mythischen Wesen).
Bei jüngeren Lesern scheinen derzeit Mysteryromane in zu sein, in denen es um unerklärliche Vorkommnisse wie Seelenwanderung (von einem Körper in einen anderen), Reinkarnation (gern von übernatürlichen Wesen in menschlicher Gestalt) und ähnlichem geht.
Eins läuft gerade wie sonst nichts: Erotikromane nach dem Prinzip ‚möglichst schmutzig, möglichst pervers, möglichst im Selbstversuch‘. Aber mal ehrlich, das ist doch nicht neu. ‚Sex sells‘ – das wissen die Werbefachleute schon sehr, sehr lange. Und die Kunstschaffenden auch. Neu ist am ehesten noch, dass die letzten Renner dieser Art von Frauen geschrieben wurden, aber das musste zwangsläufig so kommen, da inzwischen so viele, viele Frauen schreiben. Die Literatur ist schon lange nicht mehr eine Männderdomäne, wenn das auch noch nicht bis in alle Preisverleihungsgremien vorgedrungen ist, die vornehmlich aus Männer bestehen, die Männer küren.

Leser

In den letzten Jahren wird viel, viel mehr für Jugendliche und junge Erwachsene geschrieben als früher. Spätestens seit Harry Potter und Twilight ist den Verlagen und Autoren klar, dass Jugendliche lesen können (und wollen). Soweit ich das überblicken kann, hagelt es immer mehr Romane für Jugendliche und junge Erwachsene. Es entstanden sogar eigens für diese Zielgruppe neue Subgenres: Dystopie (das Gegenteil von einer Utopie, also statt einer heilen eine echt miese, finstere Zukunftswelt wie bei Die Tribute von Panem; eigentlich sogar eher ein Sub-Subgenre) oder YA (Young Adult, manchmal auch New Adult). Der Vorteil dieser Genres ist, dass sie auch von älteren Erwachsenen gelesen werden. Viele LeserInnen sind begeistert von dem jungen, frischen Stil in diesen Büchern, von mehr Action und weniger Geplapper in langen Landschaftsbeschreibungen.

Tja, und nun wünsche ich uns allen ein fröhliches Trendsetting. 🙂

.

1) Übrigens unterliegt auch die Rolle des Erzählers durchaus philosophischen Aspekten. In der Literaturwissenschaft streitet man sich gern darüber, ob man vom Erzähler auf den Autoren schließen kann. Die einen sagen: ja, der Autor verrät immer etwas von sich in seinen Texten, ob er nun will oder nicht. Die anderen sagen: nein, man darf auf gar keinen Fall von einem Erzähler auf den Autor schließen. Letzteres macht Sinn, denn ich kann als Autor eine Figur erzählen lassen, die männlich ist, stiehlt und keine Zähne mehr hat, im 17. Jahrhundert lebt und behauptet, die Erde sei eine Scheibe. Es wäre doch verrückt, wenn man deshalb sagen wollte, der Autor glaubt, die Erde sei eine Scheibe! Ich könnte eine Figur auch politische oder religiöse Botschaften ausposaunen lassen, die nicht meinen eigenen Ansichten entsprechen. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Mensch, der etwas schreibt, verhindern kann, etwas von sich preiszugeben. Das sind dann natürlich subtilere Dinge als plakative Meinungen und Überzeugungen. Ein Bereich der Kriminalermittlung ist beispielsweise das Erstellen eines Profils anhand eines (evtl. anonymen) Schreibens. Aber man darf nicht vergessen, dass der Erzählstil bewusst verändert werden kann, und sich nicht dazu hinreißen lassen, sich ein Bild vom Autor zu machen, das am Ende völlig falsch ist.

2) Besonders interessant in Hinsicht auf den Erzähler ist der Roman Wiedersehen in Howards End von E.M. Forster. Der Erzähler berichtet die Geschehnisse von seiner übergeordneten Warte aus (möglicherweise ein neutraler? Ich müsste es noch mal lesen, um das sagen zu können. Ich vermute aber eher, es ist ein allwissender Erzähler, allerdings gibt es da einen Haken …), der gesamte Roman ist also ganz und gar nicht in der Ich-Perspektive verfasst. Und dann, unvermutet, an einer einzigen kleinen, leicht zu überlesenden Stelle, wirft der Erzähler ein Ich ein, und nicht nur das, er ist auch ein weibliches Ich. Spannend, oder? Der Roman stammt aus dem Jahr 1910, sein Autor heißt Edward Morgan Forster – ein Mann. Inzwischen weiß man, dass er homosexuelle Neigungen hatte. Fühlte er sich aber auch weiblich? Nun, da sind wir wieder bei dem vorherigen Punkt – nie vom Erzähler zu viel auf den Autoren schließen. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.