Der potentielle Mozart

Das hier ist eigentlich ein Anhang zu meinem letzten Artikel, aber weil der schon so lang war, habe ich dies ausgelagert. Es geht um die Frage des Erschaffens und der Bedeutung des Individuums für die Menschheit.

Während eines Gespräches zur Originalität (ob man etwas Neues erschaffen kann) kamen mein Mann und ich auf die beliebte Argumentation der Abtreibungsgegner, dass die Welt Mozart nicht kennen würde, hätte ihn seine Mutter abgetrieben. Das ist zwar wahr, aber auch sehr manipulativ. Ohne näher auf Pro oder Contra zu Abtreibungen einzugehen (das ist hier absolut nicht das Thema!) – wenn die Welt Mozart nicht gekannt hätte – so what? Wir würden ihn nicht vermissen, weil wir gar nicht wüssten, dass es etwas zu vermissen gibt.

Das betrifft nicht nur Mozart, sondern eigentlich alle, die etwas „Großes“ geschaffen haben, Genies waren oder vielleicht auch nur sehr fleißig und ehrgeizig und deshalb einen Nobelpreis erhalten haben, oder die einfach nur eine glückliche Entdeckung machten. Wir kennen Namen wie Mozart, Goethe, Pasteur, Einstein, Newton, DaVinci und halten diese Menschen für diejenigen, die die Menschheit vorangebracht haben. Aber ich glaube das nicht. Natürlich haben sie etwas Großartiges geleistet, keine Frage, aber das heißt nicht, dass diese Dinge nicht auch ohne sie geschehen wären. Vielleicht etwas später, aber trotzdem wäre die Menschheit jetzt vermutlich auf demselben Stand wie sie es gerade ist. Die Entwicklung drängt nach vorn, sie findet statt, unabhängig vom Individuum, sie bewegt sich wellenförmig, aber gleichmäßig und ist im Menschsein angelegt. Einzelne hatten wahrscheinlich Glück, Vorreiter in ihrer jeweiligen Zeit zu sein und deshalb aus der Masse herauszustechen und berühmt zu werden. Aber hätten sie nicht das vollbracht, was sie vollbrachten, hätte es jemand anderes gemacht.

Es ist also völlig egal, ob Mozart gelebt hat oder ein zweiter Mozart jemals geboren wird!

Ich gebe zu, es ist am Ende eine traurige Schlussfolgerung, dass es für den Einzelnen gleichgültig ist, ob er da ist oder nicht. Und sie kann auch nicht richtig sein; ich zumindest glaube das nicht, sondern, dass jeder Einzelne wichtig ist und einen Sinn in seiner Existenz hat. Nur die Argumentation mit dem potentiellen Mozart ist falsch. Wie viele Mozarts gibt es denn schon? Die meisten von uns sind doch ganz ordinäre Menschen (ordinär = gewöhnlich). Die Existenz eines Menschen macht nur an einer Stelle einen wirklich wichtigen Unterschied und denjenigen unersetzlich: in seinen Beziehungen zu den Menschen, die ihn umgeben. Zuerst zu den Eltern, dann zur Familie, schließlich zu Freunden, Nachbarn, seinen Nächsten. Hier liegt eure wahre Argumentation, ihr Abtreibungsgegner: Ein Kind, das nicht zur Welt kommt, wird am meisten von der Mutter vermisst, vom Vater, seiner Familie und all den Menschen, in deren Leben es einen Platz eingenommen hätte.

Wer braucht schon einen Mozart?

 

 

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