Ein geheimnisvoller Weihnachtsbrief

1

Die Kerzen fangen zu brennen an,
das Himmelstor ist aufgetan,
Alt’ und Junge sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
und morgen flieg ich hinab zur Erden,
denn es soll wieder Weihnachten werden!
(Theodor Storm)

Schon der Umschlag ist etwas Besonderes. Das dicke, glatte Papier liegt schmeichelnd in der Hand, die satte rote Farbe erfreut den Betrachter, und die vielen goldenen Sternchen, die jemand in sorgsamer Handarbeit aufgeklebt hat, funkeln verheißungsvoll. Wunderbar weihnachtlich, alles in allem. Innen findet sich eine Karte von derselben Art, doch sie ist nicht mit Sternchen verziert. Stattdessen prangt auf ihrer Vorderseite ein buntgeschmückter, dunkelgrüner Weihnachtsbaum, der unglaublich plastisch wirkt – ein wahrer Augenschmaus! Man kann nicht anders, man muss sich unweigerlich fragen, wer eine solch entzückende Weihnachtskarte herstellen und verschicken würde. Es muss ohne Zweifel jemand sein, dem man ausgesprochen lieb und teuer ist. Voller Neugier klappt man die Karte auf und liest den Text:

Dieses Jahr sollst du ein außergewöhnliches, ganz einmaliges Weihnachtsgeschenk erhalten. Komme am 24. Dezember um 23 Uhr in die Grüne Kapelle.

Es folgt ein großes Rätselraten um den Absender. Es ist nämlich keiner genannt, es kommt also jeder in Frage, den man kennt, oder – was noch viel mysteriöser wäre – es ist jemand, den man nicht kennt! Ist die Karte womöglich ein Werbegag? Aber nein, der Gedanke kann verworfen werden; dafür ist sie zu individuell, zu sorgfältig gestaltet und mit zuviel Liebe ersonnen. Man wird nicht draufkommen und am Ende bleibt nur eines: Zur angegebenen Zeit in die Grüne Kapelle gehen und selbst sehen, welche Überraschung dort auf einen wartet. Wenn einem nur das Warten nicht zu lang wird!

 

hollybar

Zu Beginn der Adventszeit schrieb ein unbekannter Absender 22 Mal einige Zeilen auf 22 rote Karten aus dickem, glattem Papier und steckte sie in 22 rote, mit Sternchen verzierte Umschläge. Mit einem Lächeln strich er liebevoll über jede einzelne Sendung in Gedanken an den jeweiligen Empfänger. Ja, sie würden sich alle wundern, über die Maßen staunen und sich fragen, was das zu bedeuten hatte. Es war nicht auszuschließen, dass der oder die eine oder andere nicht zum vereinbarten Treffpunkt kommen würde, vielleicht nicht konnte oder sogar nicht wollte. Aber er wusste, dass die Menschen neugierig und von Sehnsucht erfüllt waren. Sie würden wissen wollen, wer er war und was das außergewöhnliche, ganz einmalige Weihnachtsgeschenk sein konnte, das sie in diesem Jahr erhalten sollten. Das hatte nichts mit Materialismus zu tun, vielmehr mit Hoffnung.

Die Menschen hofften immerzu auf etwas Schönes, auf Besserung, auf das Glück. Sie brauchten die Hoffnung, ohne sie waren sie verloren. Die Hoffnung trug sie durch die dunklen Zeiten, die trüben, die elenden und die glücklosen. Hoffnung und Glaube gehörten eng zusammen. Ohne Glaube gab es auch keine Hoffnung. Die Empfänger und Empfängerinnen sollten hoffen und glauben, dass jemand an sie dachte und ihnen ein wundervolles, unvergessliches Weihnachtsgeschenk überreichen würde. Und dann, am 24., in der Heiligen Nacht, in der die Hoffnung der Welt sich in der Geburt eines kleinen Kindes manifestiert hatte, würden sie erstaunt und berührt erfahren, dass Träume wahr werden konnten.

Die Umschläge wurden mit Briefmarken beklebt, noch einmal sanft gedrückt und zum Briefkasten gebracht. 22 geheimnisvolle Weihnachtskarten traten ihren Weg an. Am nächsten Tag schon würden sie bei ihren Empfängern sein.

Er schmunzelte. Zu gern würde er die Gesichter sehen.

aus:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s