Im Traume der glitzernde Schnee

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Es gibt so wunderschöne weiße Nächte, drin alle Dinge Silber sind. (Rainer Maria Rilke)

Der unberührte Schnee lag auf den Wiesen, die sich vor ihr ausbreiteten, und glitzerte im Sonnenlicht so hell, dass es sie blendete. Der Himmel strahlte in seinem schönsten speyerBlau, der Frost biss sie in die Nase und ihr Atem stieg in kleinen Dampfwolken auf. Nur noch zwei Wochen bis Weihnachten, ihrem liebsten Fest neben ihrem Geburtstag. Es würde grandios werden – sie, ihre Eltern, die Großeltern, ihre drei Geschwister und die beiden Hunde  – alle würden wahnsinnig viel Spaß haben, jeder bekam Geschenke, es gab lauter leckere Sachen zu essen, so viel, dass sie abends nur noch dick und rund auf dem Sofa sitzen konnten, und sie würden mit dem Pferdeschlitten zur Kirche fahren. Ach, es war eine phantastische Zeit. Sophie drückte ihre Fersen in Blue Boys Flanken, ließ die Zügel durch ihre Hände gleiten und lehnte sich nach vorne. Ihr Pony preschte los und sauste in trommelndem Galopp so schnell über die Schneedecke, dass die weiße Pracht nach allen Seiten davonstieb.

„Sophie?“ Frau Schachner sah sie ungeduldig an. „Weißt du es oder nicht? Wenn nicht, muss ich dir jetzt leider eine mündliche Sechs geben.“ Sophie starrte die Lehrerin mit schreckgeweiteten Augen an. „Wie war die Frage?“ Die schlanke Frau, die vor der Tafel stand, seufzte. „Ich weiß, dass du wieder einmal geträumt hast. Du warst förmlich weggetreten. Aber so geht das nicht weiter, Sophie. Du musst dich am Unterricht beteiligen und die Hausaufgaben machen.“ „Aber ich habe die Hausaufgaben doch“, protestierte Sophie schwach. „Die Frage lautet: „Wann war der 30-jährige Krieg?“ In Sophies Kopf breitete sich eine entsetzliche Leere aus. Sie hoffte, dass von irgendwoher eine oder zwei Jahreszahlen aufpoppen würden, doch der Dunst, der sich ihr Gedächtnis nannte, blieb reglos und blass. „Es tut mir leid, Sophie, aber das hast du dir ganz allein selbst zuzuschreiben.“ Frau Schachner ging zu ihrem Tisch, schlug ihren Kalender auf und schrieb etwas hinein, das verdächtig nach einem Kringel aussah. Sophie spürte Tränen hinter ihren Lidern drücken.

Der Heimweg zog sich an diesem Tag sehr in die Länge, denn Sophie trödelte herum. Sie wollte niemandem von der miserablen Note erzählen müssen, am liebsten hätte sie den ganzen Vormittag komplett ausradiert. Sie wusste ja, dass sie zuviel träumte, aber das war schließlich das Einzige, was sie ganz für sich hatte. Und ihre einzige Möglichkeit, überhaupt jemals auf einem Pferd zu sitzen. Sie liebte Pferde, sie hätte ihr ganzes Taschengeld dafür hergegeben, Reitunterricht nehmen zu können, doch es ging einfach nicht. Reitstunden waren so teuer, ihre Finanzen reichten nie dafür aus, höchstens für eine Pferdezeitschrift hier und da.

Für die Jahreszeit war es viel zu warm. Sophie zerrte an ihrem Schal, um ihn zu lockern. In ihrem Tagtraum war es kalt und überall lag Schnee, doch in der Realität hatte es über zehn Grad und regnete ständig. Wirklich kein Wetter, das einen auf Weihnachten einstimmte. Nein, an das Fest wollte sie lieber nicht denken, sie hatte schon Sorgen genug. Als sie die Wohnungstür öffnete, hörte sie Niklas und Tim brüllen. Sie versuchte, sich unbemerkt in ihr Zimmer zu schleichen, doch ihre Cousins entdeckten sie. „Sie ist da, Mama“, brüllte Tim und stürzte sich auf sie, um sie zu Boden zu reißen. „Hör auf, geh weg!“, protestierte Sophie und wehrte sich mit aller Kraft gegen den kleineren Jungen, der an ihr hing. Niklas tanzte vor ihr herum und schwenkte etwas durch die Luft. „Sophie hat einen Brief bekommen, Sophie hat einen Brief bekommen“, sang er dabei aus voller Kehle. „Gib ihn mir!“, schrie Sophie und versuchte, den roten Umschlag zu erwischen, doch Tim hing immer noch an ihr und zerrte sie in die andere Richtung und Niklas war einfach zu schnell. „Tante Marion!“, rief Sophie hilflos.

Eine kleine, rundliche Frau kam aus der Küche; sie trug eine Schürze und sah aus, als fühlte sie sich gestört. „Ach Sophie, du musst lernen, dich endlich durchzusetzen. Ich kann nicht immer da sein und dir helfen. Du musst dich selbst behaupten. Die beiden sind doch viel kleiner als du!“ Sophie wusste genau, was über sie hereinbrechen würde, sollte sie sich tatsächlich gegen ihre Cousins durchsetzen. Ihre Tante drehte sich einfach um und ging in die Küche zurück. Tim begann, an Sophies Haaren zu ziehen. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Sie verpasste ihm mit dem Ellbogen einen ordentlichen Hieb in die Rippen und der Quälgeist sackte fassungslos zu Boden. Im nächsten Moment verzog er das Gesicht und plärrte los. Tante Marion kam zurückgeeilt. „Was ist denn nun wieder? Sophie, was hast du getan?“ „Wieso soll ich etwas getan haben?“, maulte Sophie, doch sie wurde übertont von Tims „Sie hat mich geschlagen! Sie hat mich geschlagen!“

„Darüber sprechen wir noch!“, kündigte ihre Tante an, dann schleppte sie ihren weinenden Sohn ins Wohnzimmer hinüber. Sophie riss Niklas den Brief aus der Hand und verzog sich in ihr Zimmer. Vor ziemlich genau vier Jahren waren ihre Eltern bei einem Unfall umgekommen und seither lebte sie bei ihrer Tante Marion, der Schwester ihres Vaters. Die Tante war Hausfrau und kümmerte sich um die Kinder, ihr Mann Matthias arbeitete in einer Fabrik. Er verdiente gerade genug, dass sie davon leben konnten, vor allem, seit sie Sophie bei sich hatten. Ihre beiden Cousins waren aufsässige, verzogene Jungs, fand Sophie, aber Tante Marion oder Onkel Matthias wollten das nicht einsehen. Das erste Weihnachtsfest ohne ihre Eltern hatte Sophie so gut wie möglich aus ihrem Gedächtnis verbannt, aber wenn sie daran dachte, bekam sie Bauchschmerzen und ein ganz dunkles Gefühl in der Brust. Keines der folgenden Weihnachtsfeste war wirklich schön gewesen, und auch das kommende würde wieder eine Enttäuschung werden. An Weihnachten vermisste sie ihre Eltern besonders stark.

Sophie betrachtete den roten Umschlag in ihrer Hand. Sie bekam sonst nie Post, sie hatte keine Ahnung, wer ihr schreiben sollte. Doch dann fiel ihr ein, dass sie bei einem Preisausschreiben mitgemacht hatte. Der Hauptgewinn waren zwei Wochen Urlaub auf einem Reiterhof, das höchste Glück, das sie sich auf dieser Erde vorstellen konnte – außer, ihre Eltern wiederzuhaben, natürlich. Das musste die Benachrichtigung sein. Ganz sicher, der Gewinner musste einen so schönen Brief bekommen, damit er der Mitteilung entsprach. Ungeduldig riss sie das dicke Papier auf und zog die Karte heraus. Es kam ihr zwar nun doch merkwürdig vor, dass jemand eine solche Karte basteln würde, um über einen Gewinn zu informieren, aber immerhin war bald Weihnachten, warum also nicht. Sie klappte die Karte auf und fing an zu lesen. Mit jedem Wort wurde ihre Enttäuschung größer. Kein Reiterhof, keine Pferde, keine zwei Wochen Ferien weit weg von ihren Cousins. Es würde nur ein weiteres ödes Weihnachten werden. Sie konnte ja trotzdem zu diesem vorgeschlagenen Treffen gehen, wenigstens hatte sie so einen Grund, sich klammheimlich für einige Zeit zu verdrücken.

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