Was nicht unter dem Baum liegen sollte

Es funkelte und glitzerte unglaublich. Ich stand in dem gemütlichen Wohnzimmer und starrte auf den wohl schönsten Weihnachtsbaum, den ich jemals sah: mindestens zweieinhalb Meter hoch, dicht und buschig, so gleichmäßig gewachsen, dass er beinahe künstlich wirkte – er war aber echt, ich hatte es überprüft – und geschmackvoll geschmückt in den Farben Silber und Weiß. Große glänzende Weihnachtskugeln hingen an schneeweißen, akkurat gebundenen Schleifen, kleine, kunstvoll stilisierte Metallengel schwebten an den Zweigen, auf der Spitze saß ein strahlend beleuchteter Stern. Eigentlich war es nicht richtig, zu sagen, es hingen Weihnachtskugeln an dem Baum. Tatsächlich war er übervoll davon und der Effekt atemberaubend. Dazu duftete der ganze Raum nach Tannenwald. Es war mir ein Rätsel, wie Kellers das anstellten. Bei mir roch ein Weihnachtsbaum genau einmal, nämlich, wenn ich ihn aufstellte und dabei am Stamm herumsäbelte und aus Versehen ein paar Äste abknickte. Danach schien sein Duft zu verblassen.

Ein Schauer durchlief meinen Körper und ich musste an die marmorne Fensterbank fassen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Mein Blick saugte sich fest an dem grün-silbrigen Wunderwerk. Ich hatte Angst, die Lider zu schließen oder woanders hinzusehen, denn dann würde sich dieses Bild des Grauens für immer in mein Gedächtnis einbrennen. Alle möglichen Gedanken gingen mir durch den Kopf und einer davon galt Alex. Warum begrüßte sie mich nicht? War es zu viel verlangt, seiner besten Freundin hallo zu sagen? Schließlich war ich hauptsächlich ihretwegen hier. Dann dachte ich an Peter, meinen Mann, der arbeiten musste und nicht an meiner Seite war, um mir beizustehen. Dabei hätte ich ihn gerade jetzt dringend gebraucht.

Ich konnte nicht länger die Augen so starr aufreißen; sie fingen bereits an zu tränen. Ich gab mir einen Ruck und blinzelte. Dann fiel mein Blick auf das, was unter dem Baum lag: der leblose, unheimliche Körper eines Mannes. Er war tot, daran gab es keinen Zweifel, nicht zuletzt, weil seine Augäpfel aus dem Kopf zu quellen schienen und seine Zunge zwischen den Lippen heraushing. In der Annahme, ich würde doch noch jeden Augenblick bewusstlos werden, fing ich an zu schreien.

aus:

 

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