Wie man einen verkohlten Kuchen rettet

Peters erste Worte beim Heimkehren lauteten: „Was riecht hier so verbrannt?“ Ich raste in die Küche und riss die Backofentür auf. Der schöne Schokoladenkuchen sah aus wie eine Kohlekuppel. Frustriert befreite ich ihn aus der Springform – leider blieb er obendrauf tiefschwarz.

„Das kann doch nicht wahr sein! Ich verstehe das nicht! Ich habe alles nach Anweisung gemacht.“ Mir wurde weinerlich zumute. Peter nahm sich den Karton vor.

„Hier steht 40 Minuten bei 175 Grad.“

„40 Minuten? Nein, 60!“

„Das stimmt nicht. Es sind 40.“

Ich öffnete den Mülleimer. „So, das war’s. Ich werde nie mehr etwas backen. Ich bin nicht in der Lage, die Anleitungen zu lesen, und der Ofen möchte offenbar nichts anderes als Tiefkühlzeug zubereiten.“ Der verkohlte Kuchen plumpste in die Tiefe und war verschwunden.

„Das kann nicht dein Ernst sein! Wir hätten einfach das Schwarze oben abgekratzt und Sahne darauf vereilt. Das hätte niemand gemerkt. Nun haben wir keinen Kuchen!“ Er stemmte verärgert die Hände in die Seiten. Ich ließ den Kopf hängen.

„Tut mir leid.“ Deprimiert ließ ich mich auf einen Stuhl fallen. „Ich habe es geahnt, schon als du sagtest, du wolltest Blumen besorgen. Hast du wenigstens die?“

„Nein. Ich war in mehreren Läden und in keinem gab es noch welche. Oder es war geschlossen. Was machen wir denn jetzt? Monika wird bestimmt bald herunterkommen.“

Es ging auf Mittag zu, die Wahrscheinlichkeit war sehr groß. Ich beäugte den Klumpen im Mülleimer.

„Wir holen ihn wieder heraus. Er scheint noch ganz zu sein. Vermutlich ist er hart und trocken wie ein Ziegelstein.“

„Den Kuchen aus dem Müll holen?“ Peter starrte mich ungläubig an. Dann nickte er. „Versuchen wir es.“

Ich fischte das verunglückte Stück heraus und legte es auf die Arbeitsplatte. Der Kuchen sah fast so aus wie vor seinem Fall. Wir zupften kleine Krümel, Fusseln und undefinierbare Substanzen ab. Peter säbelte die schwarze Schicht herunter und träufelte vorsichtig Orangensaft auf den dunkelbraunen Klotz, ich schlug derweil Sahne steif. Bevor sie zu Butter wurde, nahm Peter mir die Schüssel ab. Geschickt verteilte er die weiße Masse auf dem kopflosen Gebäck, raspelte Schokolade darüber und trat zurück, um sein Werk zu betrachten.

„Sieht gut aus, oder?“

Ich konnte nicht mehr antworten, denn unsere Besucher kamen die Treppe herunter. Schnell wischte ich ein letztes Mal über die Arbeits-platte, um alle schwarzen Reste zu entfernen. Monika stolzierte herein und wir gratulierten ihr. Sol folgte ihr nach, sein Blick erfasste zielsicher den Kuchen und erstrahlte.

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