Endlich ist Heiligabend

Heiligabend! Endlich! Das war der erste Gedanke, den ich nach dem Aufwachen hatte. Im nächsten Moment stürmten die Erinnerungen an die vergangene Nacht auf mich ein. Mit schweren Gliedern wälzte ich mich aus dem Bett und ging zum Fenster. Die Wolken hatten sich verzogen, eine neue, glitzernde Schneeschicht bedeckte die Häuser, Straßen, die Gärten, den Wald, den ich in der Ferne sah. Ein wolkenloser Himmel krönte diesen Tag.
Ich ließ Peter weiterschlafen und ging ins Bad, um zu duschen. Er war erst vor zwei Stunden nach Hause gekommen. Trotzdem wollte er mit mir frühstücken und anschließend den Baum schmücken. Wir wollten die gemeinsame Zeit und Weihnachten so ausgiebig genießen, wie es uns möglich war. Mit Zweifel dachte ich an die vor uns liegenden Feiertage und fragte mich, ob ich nach dem nächtlichen Drama und allem, was damit verbunden war, überhaupt so etwas wie freudige Stimmung empfinden würde. Gandhi und Moira wenigstens blieben davon unbeeinflusst. Gandhi tobte durch den Garten, während ich das Frühstück richtete, und Moira knabberte geziert an ihrem Katzenfutter. Das nächtliche Alleinsein hatte Gandhi lediglich mit einem durchgekauten Hausschuh quittiert.
Ich ging nach oben, um den Kommissar zu holen, und kurze Zeit später saßen wir bei einem frischen Kaffee am Tisch. Mich beschlich das eigenartige Gefühl, dass meine Lieblingshose mich unangenehm in den Bauch kniff. Eine Vision von meiner Mutter, meinen Cousinen, Tante Renate und Alex, die alle riefen, sie hätten es mir ja gesagt, zog an meinem inneren Auge vorüber. Aber nein, das lag bestimmt an etwas anderem. Noch nie hatte ich um meine schlanke Linie fürchten müssen, ich konnte schon immer essen, was ich wollte, ohne zuzunehmen. Ich erwartete, dass das für den Rest meines Lebens so blieb. (…)

Bevor wir in den Gottesdienst fuhren, blieb noch genügend Zeit für einen schönen Spaziergang mit Gandhi über die verschneiten Felder. Die Sonne ließ die Kristalle funkeln und glänzen, das gleißende Weiß blendete uns. Ich fühlte mich schrecklich melancholisch. Ich hatte Peter von dem kurzen Gespräch erzählt und er tröstete mich, so gut es ging, aber ganz vertreiben konnte er den Abschiedsschmerz nicht. Es wurde eher noch schlimmer, wenn ich daran dachte, dass auch Gisela vermutlich in Kürze ihre Zelte bei uns abbrechen würde, um fortan im Schwarzwald zu hausen. Ich gönnte ihr das neue Glück von Herzen, aber ich verlor sie als Nachbarin und unsere Freundschaft würde sich auch verändern.
„Sieh es doch positiv“, sagte Peter. „Du hast dann immer einen Grund, in den Schwarzwald zu fahren.“
„Sicher, aber …“ Ich konnte nicht weitersprechen, denn Peter packte meinen Arm und brachte mich damit zum Schweigen. Mit ausgestreckter Hand deutete er zum Waldrand.
Drei Rehe wanderten auf die freie Fläche, nein, vier, fünf, und sogar ein sechstes folgte. Sie beobachteten die Umgebung, senkten die Köpfe und suchten unter dem Schnee nach Futter. Gandhi stand wie angewurzelt neben mir, verharrte so reglos wie wir, nur seine Nase wackelte aufgeregt. In diesen verzauberten Momenten berührten sich zwei Welten, hier, direkt vor uns. Die Rehe beachteten uns nicht und wir sahen ihren grazilen Bewegungen zu und bewunderten ihre Anmut. Schließlich zerstörte Gandhi doch die Magie und bellte. Die Rehe stoben davon und suchten Schutz im Unterholz. Wir setzten unseren Weg fort.
Dieses Erlebnis tröstete mich seltsamerweise. Was auch geschehen würde, ich wusste mich in Gottes guter Hand. In meine Traurigkeit hinein schenkte er mir einen Moment des Glücks. Ich lächelte leise vor mich hin und dachte, Peter würde es nicht mitbekommen, doch er bemerkte es.

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