Ein Weihnachtsfall für W.O.L.F.

Es war ein trüber, nasser Tag. Rechte Weihnachtsstimmung wollte in der Münchner Schule nicht aufkommen, trotz der gebastelten Sterne und Girlanden aus Metallfolie, die die Gänge und Klassenzimmer schmückten. Eigentlich war die große Pause längst zu Ende und der Unterricht sollte in vollem Gange sein, aber die Lehrer fehlten.

„Spontane Lehrerkonferenz?“, mutmaßte Olaf zu seinem Freund Latif, der die Schultern zuckte.

„Keine Ahnung. Vielleicht sollten wir mal nachsehen?“

Die beiden verließen unbemerkt den Klassenraum der 8b, in dem alle durcheinanderredeten und die überraschende Freistunde genossen. Die Jungs machten sich auf den Weg zum Lehrerzimmer. Unterwegs eilten ihnen vereinzelte Lehrkräfte mit verbissenem Gesichtsausdruck entgegen und verschwanden hinter den Toilettentüren.

„Was ist denn da nur los?“, wunderte sich nun auch Latif.

Olaf hielt den Mathelehrer, Herrn Scheidtmüller, an. „Ist etwas passiert?“, fragte er den gequält aussehenden Mann.

„Wir haben alle schlimmen Durchfall, das ist passiert“, entgegnete der Lehrer. „Das kam ganz plötzlich, nachdem wir den Christstollen gegessen hatten. Tut mir leid, ich muss weiter …“

Herr Scheidtmüller eilte davon. Olaf und Latif sahen sich an.

„Denkst du, was ich denke?“, fragte Latif und Olaf nickte.

„Klingt wie ein Fall für W.O.L.F.!“

„Komm, lass uns Wuschel holen. Es wird bestimmt niemandem auffallen, wenn sie ihre Klasse verlässt.“

Hastig machten sie sich auf den Weg zu Kims Klassenzimmer. Wuschel, die eigentlich Kim hieß, Olaf, Latif und Kims braun-weiß gefleckte Ratte Freddy waren zusammen W.O.L.F., der Detektivclub, der jeden Fall löste. Ihre großen Vorbilder waren „Die Drei ???“. Bisher hatten sie allerdings noch nie in der Schule ermittelt. Aber auch ihr Gymnasium schien nicht mehr sicher vor dem Verbrechen.

Mit Wuschel zusammen waren sie sich schnell einig, dass sie an den Tatort mussten, in diesem Fall das Lehrerzimmer. Dort fanden sie einige krank oder geschwächt aussehende Lehrkräfte vor, die sich hingelegt hatten oder sich unter Schmerzen zusammenkrümmten. Es herrschte ein reges Kommen und Gehen.

„Da“, sagte Olaf und deutete auf den Tisch. „Da ist das Corpus Delicti.“

Der Christstollen war zum größten Teil verspeist, nur ein kleiner Rest lag noch auf der ovalen Platte.

„Ich sehe zwei Möglichkeiten: Entweder sind alle an einem Virus erkrankt, was aber bei der schnellen Reaktion nicht sehr plausibel scheint. Oder, und das ist mein Favorit, der Stollen ist vergiftet. Ich tippe auf ein starkes Abführmittel“, fügte Olaf abschließend hinzu.

„Was sollen wir jetzt tun?“, fragte Wuschel. Aus ihrem rechten Ärmel schob sich schnüffelnd eine schmale, mit Schnurrhaaren besetzte weiße Nase. „Nein, Freddy, das ist nichts für dich. Davon wirst du krank.“ Sie schob ihre Ratte zurück in den Ärmel.

„Wenn dich noch mal jemand mit Freddy in der Schule erwischt, wirst du ihn abgeben müssen“, mahnte Latif mit gerunzelter Stirn.

„Es erwischt mich schon keiner. Schau dich doch um. Niemand interessiert sich heute für uns.“ Sie machte eine weit ausholende Handbewegung in den Raum hinein. „Alle sind krank.“

„Wir sollten uns darauf konzentrieren, den Täter zu finden“, verkündete Olaf, der wollte, dass seine beiden Freunde beim Thema blieben. „Hat jemand einen Vorschlag, wie wir das anstellen könnten?“

Die drei dachten angestrengt nach. Für einige Zeit war nichts zu hören außer dem Klappen der Tür und den Schritten der Lehrer. Gelegentliches, leiderfülltes Stöhnen untermalte das Ganze.

„Der Stollen kann ja nicht hergeflogen sein“, dachte Wuschel schließlich laut. „Vielleicht finden wir eine Verpackung oder etwas Ähnliches. Ich würde so einen Christstollen jedenfalls in Folie einwickeln, wenn ich ihn transportieren müsste.“

„Guter Gedanke“, stimmte Olaf zu und kommandierte sich und die anderen beiden dazu ab, den Raum zu durchsuchen, ganz besonders die Mülleimer. Latif wurde in dem Abfallbehälter für Recyclingmüll schnell fündig.

„Hier, ich habe etwas!“ Er hob eine durchsichtige, zusammengeknüllte Plastikfolie hoch. Auf einem Tisch falteten sie die Folie vorsichtig auseinander, und nun konnte man erkennen, dass sie mit kleinen Tannenzweigen bedruckt war.

„Da ist lauter Puderzucker dran, und von der Größe her würde es auch passen. Ich schätze, darin war der Stollen eingewickelt“, schlussfolgerte Wuschel laut.

„Moment, was ist das denn?“, wunderte sich Olaf und zückte eine große Lupe.

„Wow, ist die neu?“, staunte Latif und Olaf nickte.

„Hat mir meine Tante gestern mitgebracht. Sie hatte sie schön eingepackt, aber ich durfte selbst entscheiden, ob ich das Geschenk gleich aufmache oder bis Weihnachten warte. Wie ihr seht …“ Er blickte vielsagend auf das Vergrößerungsglas.

„Was hast du denn nun gefunden?“, hakte Wuschel ungeduldig nach.

Olaf reichte ihr die Lupe. „Schau es dir selbst an.“

Kim tat wie geheißen und staunte. „Das sieht ganz nach Schmierfett aus.“

„Genau“, bestätigte Olaf, und auch Latif besah sich die Flecken am Rand der Folie eingehend.

„Und wer benutzt hier so ziemlich als Einziger Schmierfett?“, fragte Olaf die beiden anderen Detektive. Latif und Wuschel sahen sich an und nickten.

„Der Hausmeister“, antworteten sie unisono.

„Und ich hätte gedacht, dass einer der Schüler sich diesen Streich ausgedacht hat“, fügte Wuschel hinzu.

„Ich wette, das denken die Lehrer auch alle“, erwiderte Latif.

„Wir sollten den Hausmeister dringend zur Rede stellen, ehe falsche Verdächtigungen laut werden“, schlug Olaf vor.

Sie eilten durch den Gang und die Treppen hinunter bis ins Erdgeschoss, wo Herr Lapp sein Büro hatte. Latif und Wuschel rannten vorneweg, Olaf etwas langsamer hinterher. Er war völlig außer Atem, als sie am Ziel waren. Er war einfach nicht so sportlich wie die anderen beiden, dazu etwas übergewichtig.

Aber, dachte er bei sich, dafür bin ich eben unheimlich intelligent. Man kann nicht alles haben.

Olaf klopfte an die Tür. Als ein „Herein“ erklang, betraten sie das vollgestopfte Arbeitszimmer des Hausmeisters. Herr Lapp saß an seinem Schreibtisch und war mit einer Liste beschäftigt.

„Was wollt ihr?“ Er sah sie über seine Metallbrille hinweg an und machte einen schlecht gelaunten Eindruck. Falls er der Urheber des Christstollenstreiches war, schien er keine große Freude an seinem Gelingen zu haben.

„Wir müssen mit Ihnen sprechen“, begann Olaf, dann hielt er inne und sah den hageren Mann eindringlich an. „Wir wissen, dass der Christstollen von Ihnen ist und dass Sie die Lehrer mit Abführmittel vergiftet haben.“

Herr Lapp ließ entsetzt seinen Stift fallen. „Was? Wie könnt ihr es wagen …?!“, fing er an, doch sein Gesicht sprach eine andere Sprache. Wenn jemals jemand schuldbewusst ausgesehen hatte, dann der Hausmeister. „Wie kommt ihr darauf?“, flüsterte er schließlich heiser und wirkte plötzlich ganz traurig.

„Sie haben eindeutige Spuren an der Plastikfolie hinterlassen“, erklärte Latif und Wuschel deutete auf eine Rolle mit derselben tannenverzierten Folie im Regal, die den letzten Zweifel ausräumte, den sie vielleicht noch hätten haben können.

Herr Lapp ließ die Schultern hängen. „Ich weiß, es war dumm von mir, aber ich hatte es einfach so satt. Diese ständigen Befehle: Machen Sie das, tun Sie dieses, erledigen Sie das endlich! Und immerzu werde ich wie Luft behandelt. Bis auf wenige Ausnahmen grüßen mich die Lehrer nicht einmal, wenn sie morgens in die Schule kommen. Und wenn irgendwo etwas nicht geht, dann ist es immer meine Schuld. Die Schüler machen so viel kaputt, dass ich gar nicht mit dem Reparieren nachkomme!“ Er schniefte und holte ein Taschentuch aus seiner Hosentasche, um sich die Nase zu putzen. „Ich wollte mich einfach rächen. Aber es war kindisch und idiotisch und es tut mir auch schon leid.“

Er sah sich um, sein Blick blieb auf einem Karton mit Konservendosen hängen. „Den schenke ich euch, wenn ihr versprecht, mich nicht zu verraten!“ Er schaute bittend von einem zum anderen.

Freddy überlegte es sich genau in diesem Augenblick, wieder einmal ans Tageslicht zu kommen, und krabbelte aus Wuschels Halsausschnitt.

„Und ich werde nicht verraten, dass du deine Ratte schon wieder dabeihast, obwohl es dir streng untersagt ist“, fügte Herr Lapp listig hinzu.

Wuschel stopfte Freddy in die Jackentasche und wandte sich stumm flehend an Olaf, doch der schüttelte nur leicht den Kopf. „Nein, wir lassen uns weder bestechen noch erpressen. Wir verlangen, dass Sie jetzt gleich ins Lehrerzimmer gehen und sich zu Ihrer Tat bekennen. Denn wenn Sie es nicht tun, und ich wette, genau darauf haben Sie spekuliert, wird man den Streich einem Schuler anhängen.“

Der Hausmeister blickte finster drein, doch er erhob sich, um mit ihnen zu gehen.

„Den Karton nehme ich aber trotzdem mit“, verkündete Olaf und nahm die Kiste auf den Arm. „Strafe muss schließlich sein und wir brauchen eine Bezahlung. Auch wenn es eher unüblich ist, dass der Täter das übernimmt. Aber warum nicht, das ist nur gerecht.“

Zu viert marschierten sie die Treppe hoch zum Lehrerzimmer.

„Wenn ihr einverstanden seid“, raunte Olaf unterwegs seinen beiden W.O.L.F.-Freunden zu, „dann gebe ich die Dosen meiner Mutter für ihren Chef mit. Der sammelt nämlich Konserven.“ Latif und Wuschel hatten keine Einwände, weil sie ohnehin keine Verwendung für Dosenobst hatten, doch sie wunderten sich über das seltsame Hobby des Chefs von Olafs Mutter.

„Ich weiß auch nicht, was er damit macht“, meinte Olaf. „Aber eins weiß ich: Herr Lapp kann sich freuen, wenn er nach Weihnachten noch seinen Job hat. Hoffen wir für ihn, dass die Lehrer in Weihnachtsstimmung sind und ihn begnadigen.“

Der Hausmeister war ganz seiner Meinung.

aus:

 

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