Fahrt ins Unbekannte – und das im Schnee!

Milltown, 1899

Linda blickte betrübt aus dem kleinen Fenster und kämpfte mit hartnäckigem Schüttelfrost. Sie befand sich am Ende der Welt. Ringsum erstreckte sich endlose, weiße Ebene; vor ihr erhoben sich drohend und einschüchternd die Rocky Mountains, auf die sie zuhielten. Wie war sie nur hier gelandet? Sie kannte die Antwort – sie befand sich auf der Flucht.

Lindas Augen füllten sich mit Tränen. Sie dachte an ihr warmes, gemütliches, komfortables Zuhause und wurde von einer Welle des Heimwehs überrollt. Die Frau, die ihr gegenüber saß, nickte und lächelte mitfühlend.

„Keine Sorge, wir sind bald da. So eine Reise kann schon recht anstrengend sein. Möchten Sie ein Plätzchen?“

Linda lehnte dankend ab. Sie würde keinen Bissen hinunterbringen, so aufgeregt war sie. Die Kutsche holperte durch einige Schlaglöcher und bereitete Lindas ohnehin schon schmerzendem Rücken zusätzliche Qualen. Sie tupfte sich mit einem spitzenverzierten, hauchdünnen, blütenweißen Taschentuch die Tränen ab. Ihr Monogramm LMP – Linda Maria Paget – prangte in einer Ecke, sorgfältig von ihr selbst hineingestickt, in einem Leben, das sie unwiderruflich hinter sich gelassen hatte.

Ihre Mutter und ihr Vater mussten inzwischen eingesehen haben, dass sie ihre älteste Tochter nicht finden würden. Sicher hatten sie sich eine einleuchtende Erklärung einfallen lassen, weshalb Linda überstürzt die Stadt verlassen musste. Waren sie traurig und bestürzt oder nur wütend und beschämt? In letzter Zeit schien es für ihre Eltern nur noch ein Ziel gegeben zu haben: ihre älteste Tochter zu verheiraten. Oh ja, sie mussten zornig sein und in großer Verlegenheit, dem Bräutigam in spe ihr Verschwinden plausibel zu machen. (…)

„Sind Sie unwohl, meine Liebe?“

Linda öffnete die Augen. Die Frau, die ihr Gebäck angeboten hatte, wartete mit sorgenvoll gerunzelter Stirn auf ihre Antwort.

„Oh, nein, danke, es geht schon.“  Der fragende Ausdruck auf dem Gesicht änderte sich nicht und Linda fühlte sich genötigt, weiterzureden. „Es ist eine sehr lange Reise, ich bin wirklich nur erschöpft.“

Ihre Mitreisende nickte verständnisvoll.  Sie waren die letzten beiden Passagiere in der Kutsche, alle anderen bereits ausgestiegen.  Linda gab sich einen Ruck, um ihre Zurückhaltung zu überwinden. Hier saß endlich eine freundliche Person, die gewillt war, mir ihr zu sprechen.

„Fahren Sie auch nach Milltown?“

Die mütterliche Frau nickte lächelnd. „So ist es. Milltown ist der letzte Halt auf der Route der Postkutsche. Mein Name ist Francine Knowles.“

„Linda Paget.“ Sie drückte kurz die dargereichte Hand der anderen. „Wie lange werden wir noch unterwegs sein?“

aus

 

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