Kopi! Kopi!

Der Regen rauschte wild durch die Luft, prasselte auf die Bäume und stürzte in unzähligen kleinen Wasserfällen über die Blätter hinab zu Boden. Es war fürchterlich heiß, die Luftfeuchtigkeit war nicht auszuhalten. Carola Creszens wischte sich mit dem ohnehin nassen Taschentuch über Gesicht und Nacken, doch genauso gut hätte sie es lassen können. Ihre Leinenbluse, die Khakihose, ja, die Unterwäsche, Socken, Schuhe – alles war durchtränkt von Schweiß und jetzt auch von dieser Sturzflut, die von oben auf sie herunterdonnerte. Die Schauer während der Regenzeit auf Sumatra waren heftig, aber normalerweise kurz. Carola stand schwer atmend unter einem dicht belaubten Baum und sah zu den Männern hinüber, die ungerührt miteinander plauderten und sie ignorierten.

Dass sie in einem heiß-feuchten Regenwald durch die Gegend stolperte, war fast schon Ironie. Carola hatte sich immer gewünscht, Weihnachten im Warmen zu verbringen, verträumt an einem weißen Sandstrand, unter Palmen Cocktails schlürfend und sanft lächelnd beim Gedanken an die frostige Zeit zu Hause in Deutschland, wo es vielleicht sogar regnete und nicht mal richtig Winter wurde. In ihrer Vorstellung war da allerdings kein drückend-schwüles Klima gewesen, kein Dschungel, keine grinsenden Männer, die sie durch den Wildwuchs schleiften auf der Suche nach irgendwelchen Affen, und schon gar kein Regen. Sie hatte in ihren Träumen auch nicht tagelang dieselben stinkenden, dreckigen, nassen Kleider getragen, sondern einen Badeanzug oder höchstens mal ein leichtes Umhängetuch oder ein Trägerkleidchen. Nun war sie endlich im Warmen, aber es ging ihr komplett auf die Nerven und sie wünschte sich nach Hause.

Die Adventszeit in ihrem eigenen Heim im düster-kalt-grauen Deutschland zu verbringen, schien Carola auf einmal sehr begehrenswert. Kerzen, Plätzchen, Weihnachtsmänner, Tannengrün, dieselben gefühlsduseligen Lieder wie jedes Jahr … Man wusste eben erst, was die Traditionen wert waren, wenn es einem gelungen war, ihnen zu entfliehen. Aber Carola konnte noch nicht zurück. Sie war ja nicht zufällig in Indonesien, sondern weil sie auf der Suche war, auf der Suche nach einer Idee. Sie hatte eine Schreibblockade. Irgendwie hatte sie keine Einfälle mehr gehabt, und das war kein akzeptabler Zustand für eine Schriftstellerin in den Sechzigern, die seit nahezu dreißig Jahren Bücher schrieb. Der Verlag saß ihr im Nacken und wollte Nachschub. Man hatte ihr vorgeschlagen, einen Thriller zu schreiben, der im Ausland spielte, und nun war sie in Sumatra und schleppte sich durch die Wildnis.

Genauer gesagt war sie mit ihren Führern auf der Suche nach kleinen Affen, die Kaffeekirschen fraßen und die Bohnen dann wieder ausschieden, was zu einer angeblich unvergleichlichen Spezialität führte. Sie hatte das schon im Fernsehen gesehen und darüber gelesen. Carola hatte daran gedacht, die Handlung ihres nächsten Buches rund um den Handel mit diesem speziellen Kaffee anzusiedeln, und wollte sich vor Ort ein Bild machen. Gründliche Recherche war nun mal das A und O eines guten Buches. Eigentlich waren es auch keine Affen, die für die Delikatesse verantwortlich waren, sondern Schleichkatzen, aber weil sie genervt und müde war und die Tiere auf Bäumen lebten, sagte Carola Affen zu ihnen. Niemand zwang sie, biologisch korrekt zu sein, jedenfalls nicht hier.

Der Regen ließ nach und die Männer schlugen vor, weiterzugehen. Sie sprachen sehr gebrochen Englisch und Carola konnte sich nur mit Mühe mit ihnen verständigen. Sie fragte, wie weit es noch sei. „Almost there, almost there“, war die Antwort. Etwa eine halbe Stunde später fingen die Männer an, den Boden abzusuchen, und nicht lange darauf gab es die ersten „Kopi! Kopi!“-Rufe. Carola eilte herbei. Wenn sie endlich die gefragten Kaffeebohnen gefunden hätten, könnten sie zurückgehen! Tatsächlich: Auf dem aufgeweichten, schlammigen Boden lagen kleine Würstchen aneinandergeklebter, heller Bohnen. Carola holte ihre Kamera hervor und machte Aufnahmen: von dem Häufchen, von den Männern, von den Bäumen und den Blättern vor ihrer Nase. Leider war weit und breit keine dieser Schleichkatzen zu sehen. Aber damit hatte sie auch nicht gerechnet, da die Tiere sich tagsüber hoch oben im Geäst verkrochen. Immerhin hatte sie sich schon ein paar Exemplare in Bukittinggi im Zoo angesehen.

Diese Ansammlung von Exkrementen war dann wohl so etwas wie ihr Weihnachtsgeschenk, denn es war schon Glück, auf Anhieb einen solchen Fund zu machen. Carola holte ein Tütchen aus ihrem Rucksack, stülpte es um, steckte die Hand hinein und griff damit nach dem Beweismittel. Es war nicht direkt ekelerregend, aber der Gedanke, diese Bohnen möglicherweise zu Kaffee verarbeitet zu sich zu nehmen, schien ihr auch nicht unbedingt verlockend. Kaum zu fassen, dass ein Kilo der gerösteten Bohnen in Europa bis zu tausend Euro kosten konnte. Bedauerlicherweise führte dieser hohe Preis dazu, dass Einheimische die Tiere fingen und so lange mit Kaffeekirschen fütterten, bis diese daran starben. Irgendwo in dieser ganzen Sache konnte eine gute Story lauern, aber bis jetzt hatte sie sie noch nicht gefunden. Es fehlte Carola noch dieser „Klick“, mit dem sie normalerweise auf eine Sache ansprang. Vielleicht hatte sie auch noch nicht genügend Fakten, um sie zu einem guten Plot zu verbinden, aber wo sollte sie die herbekommen?

„Okay, let’s go back“, forderte sie ihren Führertrupp auf. Wenn sie sich ins Zeug legten, konnten sie bis zum Abend im Hotel sein. Sie musste eben die Zähne zusammenbeißen und ihre schmerzenden Gelenke, den Schweiß, die an ihr klebenden Kleidungsstücke, den juckenden Kopf und die unzähligen Blasen an ihren Füßen ignorieren. Wirklich, sie hatte selten mit so viel körperlichem Einsatz recherchiert, und noch immer war nicht klar, ob es sich überhaupt lohnte. Vielleicht sollte sie besser einen Krimi schreiben, mit einem Privatdetektiv in der Hauptrolle und einer jungen Frau in Bedrängnis; so richtig etwas aus der alten Schule, wie für eine Verfilmung mit Humphrey Bogart als Philip Marlowe gemacht. Allerdings hatte sie noch nie einen Krimi geschrieben; sie müsste erst einen Fall konstruieren, oder einen finden, den sie als Vorlage nehmen konnte. Und das gelang ihr am besten zu Hause. Carola hatte genug von Sumatra und vom Urwald, von der Regenzeit und Temperaturen von über 30°C. Wenn sie gleich am nächsten Tag einen Flug bekam, konnte sie die Feiertage in ihrem eigenen Heim verbringen!

Unterwegs summte Carola Weihnachtslieder vor sich hin. Die Männer warfen ihr deshalb öfter belustigte Blicke zu. Als sie einen dieser Blicke mit einem strafenden Stirnrunzeln erwiderte, achtete sie nicht darauf, wo sie hintrat, stolperte über eine Wurzel und fiel der Länge nach in den Matsch. Ihr Führertrupp fand das recht amüsant, doch Carola spürte, dass sie sich den Fuß verstaucht hatte. Sie konnte kaum noch auftreten. Ihren Begleitern wurde schnell klar, dass sie so nicht mehr vor Einbruch der Nacht das Hotel erreichen würden. Sie brachten Carola in ein kleines Dorf, wo sie zu essen und zu trinken bekamen und ihr Fuß verbunden wurde. Die Nacht verbrachte Carola in einer stickigen kleinen Hütte auf einer viel zu harten Matte, wohl dem Gästebett der Familie. Am nächsten Morgen brachen sie früh auf. Jemand stellte sein Auto zur Verfügung und fuhr sie zum Hotel.

Gegen Mittag humpelte Carola erschöpft und mit einem enorm angeschwollenen Knöchel zur Rezeption. Dort drückte man ihr einen dicken roten Brief in die Hand, forderte den Arzt an und brachte sie auf ihr Zimmer. Unter der Dusche dachte Carola, das sei jetzt aber wirklich das allerbeste Weihnachtsgeschenk – sich endlich wieder waschen zu können und frische Kleider anzuziehen. Wie dankbar man für solche grundlegenden Dinge wurde, wenn man länger auf sie verzichten musste! Oder nein, das ultimative Weihnachtsgeschenk wäre ein schmerzfreier Fuß. Oder vielleicht eine umwerfende Idee für ihr Buch. Carola konnte sich nicht entscheiden, es war alles wichtig.

Sie blieb eine halbe Stunde unter dem frischen, klaren Wasser stehen, schrubbte an sich herum und genoss einfach nur das neue Gefühl von Sauberkeit. Nachdem der Arzt bei ihr gewesen war und sie versorgt hatte, fühlte sie sich fast wiederhergestellt. Dann öffnete Carola den Brief und las mit wachsender Neugier die Karte.

Dieses Jahr sollst du ein außergewöhnliches, ganz einmaliges Weihnachtsgeschenk erhalten. Komme am 24. Dezember um 23 Uhr in die Grüne Kapelle.

Zu dumm, dass sie gestürzt war, dadurch hatte sie einen Tag verloren. Als Schriftstellerin würde sie natürlich zu diesem Treffen in der Kapelle gehen, aber sie wusste nicht, ob sie es schaffen konnte. Wenn sie gleich am nächsten Morgen einen Flieger bekäme, wäre sie rechtzeitig zurück, um abends an der angegebenen Stelle zu sein. Ja, so könnte es klappen. Sie wollte auf jeden Fall der Einladung folgen. Carola hob den Telefonhörer ab, um sich um einen Flug zu kümmern. Während sie wartete, fing sie an, Sachen in ihre Tasche zu stopfen. Wieso um alles in der Welt besaß sie eigentlich zwei Notebooks, und warum hatte sie auch noch beide mitgenommen? Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Aber egal, sie würde Weihnachten zu Hause sein und so schnell nicht mehr von einem Fest in der Südsee träumen. Was das anging, war sie gründlich kuriert. Sie freute sich auf Schnee, Kälte und Christstollen, und auf einen interessanten Abend in der Grünen Kapelle.

aus (Bild ist mit amazon.de verlinkt):

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