Post für den Weihnachtsmann

In der Schreibstube des Weihnachtsmannes im kleinen Ort Himmelpfort in Brandenburg ging es hoch her an diesem Donnerstag. Die Journalistin Wendy Lämmer bahnte sich mühsam einen Weg zwischen den Tischen und Kisten mit Briefen hindurch, machte hier und da eine Aufnahme von den Leuten, die konzentriert an den Antworten arbeiteten, und versuchte herauszufinden, mit wem sie sprechen sollte.

Ein kahlköpfiger Mann mit Brille kam mit ausgestreckter Hand auf sie zu. „Sind Sie die Reporterin?“ Ehe er sie erreicht hatte, wischte er seine Hand schnell an seinem grauen Strickpullunder ab und hielt sie ihr dann wieder hin. Wendy nahm sie zögernd und ließ sie möglichst schnell wieder los. „Ja, also willkommen in unserer Weihnachtsschreibstube. Wir sind alle schon ganz aufgeregt!“ Er blickte sie erwartungsvoll an.

Wendy ließ ihren Blick schweifen und konnte keine Aufregung feststellen. Der Mann lotste sie zu einem Tisch am Fenster, an dem zwei Frauen schweigend Briefe ans Christkind hin- und herschoben, jedenfalls sah es für Wendy so aus.

„Es muss gleich soweit sein“, verkündete der Mann freudestrahlend.

„Sagen Sie, Herr …“, begann Wendy.

„Thomé, Bernd Thomé“, sprang er wie gewünscht ein.

„Sagen Sie, Herr Thomé, wann kommen die ersten Briefe bei Ihnen an?“

„Oh, schon im Sommer. Es gibt ganz ungeduldige Kinder. Und selbst jetzt noch erreichen uns viele. So richtig los geht es im November, da wissen wir kaum noch aus und ein!“ Wendy nickte, Herr Thomé sah sie fragend an. „Wollen Sie sich das nicht aufschreiben?“

„Gleich.“

Wendy hoffte, dass die Angelegenheit schnell zu erledigen wäre. Ihr war zu warm und es war beengt hier drinnen, außerdem hatte sie noch etwas anderes vor. Ungeduldig beobachtete sie die Frauen, die weiter Briefe über den Tisch schoben.

„Es muss jeden Moment soweit sein“, wiederholte Herr Thomé, dann beugte er sich zu ihr herüber, als hätte er etwas Vertrauliches mitzuteilen. „Wissen Sie, ich schreibe ja auch. Natürlich nicht Artikel für die Zeitung, obwohl ich sagen muss, dass ich auch das schon gemacht habe. Wenn es hier und da mal eine Pressemitteilung für den Kleintierzüchterverein zu verfassen gibt, dann sagen die anderen gerne, ich würde doch so gut schreiben, bei mir klinge das am besten. Sie behaupten auch gerne, meine Mitteilungen hätten eine Abdruckgarantie bei der Zeitung.“ Er lachte in falscher Bescheidenheit. „Das stimmt natürlich nicht, aber ich muss schon sagen, dass man es meinen könnte. Ich glaube, bis jetzt sind alle Pressemitteilungen, die ich verfasst habe, auch abgedruckt worden. Aber was ich eigentlich sagen wollte: Ich schreibe an einem Roman.“

Herr Thomé kam näher zu Wendy und holte Luft. „Sagen Sie ruhig, was Sie davon halten, ich wüsste es wirklich gerne. Schließlich sind Sie ein Profi und können so etwas ganz anders beurteilen als unsereiner. Also, der Roman ist ein Thriller und spielt in Ecuador. Es ist Weihnachten 1985. Vier Freunde kommen jedes Jahr in einem kleinen Dorf zusammen, um Weihnachten zu feiern. Sie feiern nicht wirklich, es ist vielmehr ein Abkommen, um zu trinken und sich zu vergewissern, dass sie alle noch am Leben sind. Seit zwölf Jahren machen sie das schon. Während sie die Feiertage hauptsächlich in einer schäbigen Kneipe verbringen und sich unterhalten, wird klar, dass sie ein Geheimnis teilen, von dem nie jemand etwas erfahren darf. Etwas, was sie vor zwölf Jahren zusammen erlebt haben. An diesem Weihnachten 1985 erscheint alles noch völlig normal, bis auf einmal ein Fremder in der Kneipe auftaucht. Er scheint Bescheid zu wissen; die vier wundern sich und verdächtigen sich gegenseitig, etwas verraten zu haben. Das geht so lange, bis …“

Wendy seufzte und wippte auf den Zehenspitzen. Die Kamera war bereit, ihre Ohren hofften darauf, dass die beiden Frauen endlich aufblicken und verkünden würden, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war.

„… Die drei, die noch am Leben sind, jagen davon, zurück an die Orte, an denen sie leben, jeder in einer anderen Ecke der Welt. Doch allen ist klar, dass ihr Problem damit nicht gelöst ist. Jeder macht sich auf eigene Faust auf die Suche nach der Organisation, die hinter dem Fremden steckt und die sie nun auf so bedrohliche Weise in der Hand hat …“

Eine der Frauen blickte hoch und Wendys Herz machte einen Freudenhüpfer. „Bernd, bitte nicht so laut“, sagte die Frau dann jedoch nur und wandte sich wieder den Briefen zu.

Schicksalsergeben lauschte Wendy dem nicht enden wollenden Wortschwall und betrachtete dabei die Briefumschläge etwas genauer. Manche waren einfach nur mit der Adresse beschriftet, aber viele waren mit Zeichnungen von Kindern verziert, mit Weihnachtsbäumen und Kerzen, Tannenzweigen, Herzen, Schaukelpferden, Schneelandschaften mit Schneemännern und dem Klassiker, dem hübsch eingepackten Weihnachtsgeschenk.

Das erinnerte sie an ihre Kindheit und ihre eigenen Wunschzettel, obwohl sie nie einen weggeschickt hatte. Sie hatte sie immer nur ihren Eltern gegeben und gedacht, dass das genügen müsste. Wie war das heute, im Zeitalter von E-Mail, SMS, Twitter und Facebook? Sie hätte Herrn Thomé gerne gefragt, doch der war zu sehr vertieft in seine Geschichte.

Just in diesem Augenblick stellten die beiden Damen ihre Tätigkeit ein und erhoben sich feierlich; eine von ihnen hielt einen Brief in den Händen. „Bernd“, sagte sie bestimmt, „das hier ist er!“

Herr Thomé unterbrach sich und fing an zu strahlen. „Bitte, Frau Lämmer, machen Sie ein Foto!“

Wendy gehorchte und machte Aufnahmen von dem Brief allein, den Leuten und jeglicher Kombination von Brief und den beteiligten Personen.

Dann endlich räusperte sich Herr Thomé und verkündete laut: „Liebe Mitarbeiter, auf diesen Moment haben wir gewartet, jetzt ist es endlich soweit. Ich präsentiere: der 300.000ste Brief dieses Jahres!“ Die Anwesenden klatschten Beifall, während Herr Thomé das Kuvert öffnete.

„Der Brief kommt von einem kleinen Jungen namens Viktor aus Herdecke. Er schreibt: …“ Er las Viktors ganzen Brief vor, von Anfang bis Ende, einschließlich des Postskriptums. Als er fertig war, gab es erneuten Applaus. Wendy fotografierte den Zettel von allen Seiten. Sie brauchte ein gutes Foto; der Brief sollte in der Zeitung abgedruckt werden, nebst einer herzerwärmenden Story über all die Post ans Christkind und den Weihnachtsmann, die jedes Jahr auf den diversen Postämtern einging. Sie stellte einige Fragen, notierte sich dieses und jenes und war endlich fertig.

Herr Thomé sah sie an. „Was halten Sie von der Geschichte?“

Wendy zuckte mit den Achseln. „Entzückend, ja, was kann man sonst dazu sagen. Es ist rührend, dass sich die Kinder all diese Mühe machen. Den Artikel können Sie morgen in der Zeitung lesen.“

Der kahlköpfige Mann schüttelte erheitert den Kopf. „Aber nein, meine Geschichte! Mein Roman! Ich habe Ihnen alles erzählt, was bisher passiert ist. Was halten Sie davon? Ich glaube, das wird ein Knüller! Ich habe den Markt genau beobachtet und entdeckt, dass es in der Sparte Weihnachts-Thriller eine Lücke gibt, eine Unterversorgung sozusagen. Ich würde da genau hineinstoßen.“ Er nahm Wendy am Ellenbogen und schob sie ein Stück zur Seite. „Sie haben doch bestimmt Kontakt zu einigen Verlagen? Ich meine, Sie als Schreibende kennen sich sicher aus auf dem Markt. Könnten Sie mir nicht etwas vermitteln? Ein paar Namen, Telefonnummern oder Sie empfehlen mich jemandem.“

Wendy wurde nervös, sie wusste nicht, wie sie aus dieser Sache wieder herauskommen sollte. „Ich kenne niemanden …“, begann sie, doch Herr Thomé war Feuer und Flamme für seinen Plan.

„Wissen Sie was? Am besten schicke ich Ihnen das ganze Manuskript einfach zu, dann können Sie es über die Feiertage lesen. Es ist doch viel einfacher, etwas zu empfehlen, das man kennt, nicht wahr? Es sind etwas über vierhundert Seiten; ich bin sicher, das haben Sie schnell durch. Am Ende werden es ungefähr tausend Seiten sein, vielleicht ein paar mehr. Sie werden sich köstlich amüsieren, das ist genau die richtige Lektüre für Weihnachten!“

aus:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s