Buchblogger

Buchhandel & Buchblogger – ein Match made in heaven

Den Auftakt der Interviewreihe macht Thomas Calliebe von der Calliebe Buchhandlung in Groß-Gerau. Er und Arndt Stroscher haben eine besondere Kooperation ins Leben gerufen – Buchhandlung und Buchblogger finden zusammen und ergänzen sich. Dazu gibt es eine Gruppe bei Facebook (Blogger & Buchhandel), wo man bei Interesse reinschnuppern kann.

Thomas Calliebe über Blogger & Buchhandel

Hallo Thomas, herzlichen Dank für dieses Interview. Ich bin wirklich sehr neugierig auf deine Antworten. Schon jahrelang stoße ich bei Facebook immer wieder auf deinen Namen und Empfehlungen zu deiner Buchhandlung. Du bist offenbar sehr rührig in diesem Netzwerk und schaffst es, dass dich die Leute mit Begeisterung unterstützen. Stell uns bitte deine Buchhandlung vor.calliebe

Wir sind eine kleine Buchhandlung mit gerade mal 60qm Ladenfläche, davon 45qm Verkaufsraum. Die Buchhandlung wurde 1982 von meiner Mutter übernommen, seit 1998 steuere ich die Geschäfte. Wir sind eine allgemeine Sortimentsbuchhandlung ohne Schwerpunkt.

Ungewöhnlich ist deine Kooperation mit Buchbloggern. Wie kam es dazu, seit wann machst du das und wie sieht diese Kooperation aus?

Seit Ende 2014 stehe ich in Kontakt mit dem Buchblogger Arndt Stroscher (Astrolibrium). Wir sagen rückblickend, dass es eine gemeinsame wundervolle, alkoholfrcalliebe2eie Schnapsidee war, dass ich mein Schaufenster für Buchblogger öffnete. Das fing zunächst mit einem Aufsteller und Einzeltiteln an und mündete dann in einem festen Schaufenster, das 2015 über ein Jahr lang mit den Büchern wechselnder Blogs belegt wurde. Die Überschrift des Fensters lautete „Blogger & Buchhandel – Mein Schaufenster ist der Spiegel Deines Lesens“. Meist waren es einfach die Lieblingsbücher des jeweiligen Blogs, es waren aber auch Themenfenster wie „Paris“, „Arktis/Antarktis“, „Wimmelbücher“ „Arabische Welt“ und „Saint-Exupéry“ darunter.

Seit 2016 arbeite ich mit vier Blogs fest zusammen. Das heißt, dass ich die Empfehlungen regelmäßig auf Facebook und Google+ poste und teilweise auch mit in meinen Newsletter übernehme. Beim Einkauf der Bücher muss ich schauen, ob das in unser Sortiment passt. Wenn ja, bekommt das Buch einen prominenten Platz im Schaufenster oder im Laden – jeweils mit der ausgedruckten Empfehlung des Blogs.

Die vier Partner-Blogs empfehlen sehr unterschiedliche Bücher und zeichnen sich durch eine sehr gute, zu uns passende Literaturauswahl und eine klare Sprache aus.

Die Blogs sind:

  • natürlich Astrolibrium, dessen Aktion „Gegen das Vergessen“ ich hervorragend finde
  • Irve liest, die z.B. ihre tolle Kinder- und Jugendbuchwoche ins Leben gerufen hat
  • Geschichtenwolke, die mich und meine Kunden rund um das Bilderbuch bestens informiert
  • und last but not liest Elenas Zeilenzauber, die mir die wichtige Brücke zu Independents und Selfpublishern bietet

 

Wie kommen die Themenfenster und Bloggerempfehlungen bei deinen Kunden an?

Meine Kunden waren neugierig bis aufgeschlossen, wobei die meisten mit dem Begriff „Blog“ schon nichts anfangen konnten. Aufgefallen ist die andere, umfangreichere Präsentation der Buchinhalte. Natürlich hat auch das Fenster für Nachfragen gesorgt, sodass sich spannende bis witzige Gespräche über Blogs, das Netz und natürlich die Bücher ergeben haben. Die Blogempfehlungen gehören heute einfach dazu.

Ein  calliebe1interessanter Nebeneffekt: Von den jungen Kundinnen haben sich durch die Aktion mittlerweile drei der Buchrezension verschrieben, eine davon geht gerade erste Schritte in Richtung einer eigenen Blogseite.

Nach allem, was ich bisher mitbekommen habe, hast du dich mit der Kooperation zum Liebling der Buchbloggerszene entwickelt und erfährst große Unterstützung. Was hat sich für dich bzw. deine Buchhandlung dadurch geändert?

Zunächst einmal habe ich ganz wundervolle Menschen kennengelernt, die sich wie ich dem Buch verschrieben haben. Blogger sind keine Feuilleton-Rezensenten, vielmehr versprühen sie eine unglaubliche Begeisterung für Bücher und Literatur. Es sind oft nachgerade manische Leser, die das Gelesene enthusiastisch empfehlen. Und davon profitiere ich privat und in meinem beruflichen Alltag.

In einem Vorgespräch sagtest du, finanziell hätte sich durch die Buchbloggerkooperation nichts wirklich für dich geändert. Ich muss sagen, das hat mich ziemlich enttäuscht, und das, obwohl ich bisher gar nicht zu deinen Unterstützern gehörte. Ich finde es so lobenswert und positiv, dass eine Buchhandlung neue Wege beschreitet, und würde sie dafür gern belohnt sehen. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch den Buchbloggern so geht, die dich ganz gezielt unterstützen. Wie erklärst du dir diese fehlende Auswirkung?

Mich enttäuscht das in keiner Weise, weil das nicht meine Absicht war, aus der Kooperation mit Blogs finanziellen Profit zu ziehen. Vielmehr ist mir gerade in Zeiten des Internets und des geradezu ungezügelten Warenverkehrs per Lieferdienste wichtig, dass Menschen in die Geschäfte ihrer direkten Umgebung gehen. Buy local ist mein Credo.

Selbstverständlich haben wir auch einen Internetshop, aber der läuft notgedrungen sehr anonym. Es gibt allerdings einige neue Kontakte zu Menschen aus meinen Blogkontakten heraus, die z.B. per Mail ihre Bücher bei mir bestellen. Das ist persönlich, das gefällt mir gut, weil sich daraus auch weiterführende Gespräche entwickeln.

Die fehlende Auswirkung sehe ich darin begründet, dass für sehr viele Menschen bereits heute Online=Amazon bedeutet. Oder aber darin, dass es bereits andere bestehende Verbindungen zu Onlineshops gibt und man das Prozedere einer erneuten Anmeldung scheut.

Du meintest auch, dass es dem Buchhandel eigentlich gar nicht schlecht geht.  Das hat mich gewundert, bei all dem Jammern und Klagen der letzten Jahre von Seiten der Buchhändler. Würdest du das bitte näher erläutern?

Der Buchhandel insgesamt schrumpft – es schließen jedes Jahr Buchhandlungen, für die es keine Nachfolger gibt. Andererseits expandieren kleine, mittlere und natürlich die großen Filialisten, kaufen andere Buchhandlungen auf und besetzen strategische Plätze. Für die verbliebenen Buchhandlungen wird der Anteil am stabil großen Kuchen immer ein bisschen größer. Insofern geht es dem noch existierenden Buchhandel sehr gut (Buchhändler waren und sind allerdings – bis auf wenige Ausnahmen – keine Porschefahrer). Die Fälle von ungünstig gelegenen Buchhandlungen, umringt von Kollegen oder auf dem platten Land, will ich nicht vergessen. Das ist ein selbstredend täglicher Überlebenskampf, aber das liegt nicht am Buch oder dem Internet, Letzteres kommt da verschärfend hinzu.

Heißt das also, man muss die Aussage, dass es dem Buchhandel gut gehe, differenziert sehen – nur manchen geht es gut oder immer besser, dem Rest aber doch schlechter?

Dank Social Media sind die Buchhändler heute untereinander bestens vernetzt. Von daher wage ich die Behauptung, dass es dem größten Teil des Buchhandels heute gut bis sehr gut geht. Von ebendieser Vernetzung weiß ich auch, dass es Buchhandlungen gibt, die unter Bedingungen einen Daseinskampf führen, den ich wiederum aus unternehmerischer Sicht so nicht führen würde.

Was glaubst du, wo liegen die Chancen des Buchhandels bei der derzeitigen Entwicklung – immer mehr wird über das Internet und digital abgewickelt und gelesen, Innenstädte haben es zunehmend schwer, attraktiv für Käufer zu bleiben, die Selfpublishingszene boomt …?

Darauf Antworten zu geben, wäre Kaffeesatzleserei. Das Internet wird sicherlich immer weiter Bedeutung erlangen. Die Malls auf der grünen Wiese, die den Innenstädten den Rang abgelaufen haben, verzeichnen heute Renditerückgänge. Das eBook stagniert bei derzeit 5% des Buchmarktes. Selfpublisher lieben es, in echten Verlagen eine Heimat zu finden. Und so weiter … Es gibt immer wieder Gegenbewegungen zu Trends.

Mit welchen Erwartungen hast du dein Buchhändlerleben begonnen und wie bewertest du diese heute?

Als ich mit dem Buchhändlern anfing, hatte das Buch noch einen ganz anderen Stellenwert als heute. Ein Regal voller Bücher zu haben, galt als Prestigeobjekt, der erste Gang in einer fremden Wohnung war der zum Buchregal. Es gab deutlich weniger Möglichkeiten, sich über Bücher zu informieren, als heute. Insofern war das Arbeiten in einer Buchhandlung damals anspruchsvoller, weil man die Informationskanäle intensiver beobachten und den Kunden zugänglich machen musste.

Heute sind die Kunden besser vorinformiert und es ist weniger wichtig, auf den normalen Literaturbetrieb hinzuweisen, vielmehr gilt es heute Nischen zu finden und zu bedienen.

Dafür hat das Buch als solches viel an ideellem Wert verloren, zumindest beim überwiegenden Teil der Bevölkerung. Schüler brüsten sich heute gerne damit, noch nie ein Buch gelesen zu haben – seinerzeit hätte man sich für eine solche Aussage gleich ein Schild „Dummkopf“ umhängen können.

Es gab doch schon immer Menschen, die gern lesen, und solche, die kaum lesen. Hat sich dieses Verhältnis heute wirklich geändert? Ich habe eher den Eindruck, dass die Fantasy-Welle der letzten Jahre (mit Harry Potter u.a.), die neue Beliebtheit von Dystopien und insgesamt das ganze neu aufgekommene Genre der Young Adults es schaffen, gerade Jugendliche mehr und mehr fürs Lesen zu begeistern.

Man spricht von ca. 5 % echten Lesern, diese Zahl dürfte sich in den letzten Jahrzehnten nicht wesentlich verändert haben. Erschreckend, aber das ist ja auch ein gesamtgesellschaftliches Problem, ist das vermehrt lautstarke Auftreten einer schier unbegreiflichen Niveaulosigkeit.

Es gibt eine Statistik mit den liebsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen, dort rutscht das Lesen leider immer weiter ab.

Welche Träume und Ziele würdest du mit deiner Buchhandlung gern noch umsetzen?

Meine Träume und Ziele orientieren sich an den sich wechselnden Möglichkeiten und da bin ich selbst gespannt, wohin mich die Reise noch führen wird.

Ich danke dir herzlich für dieses Interview!

  calliebe3

Umfrage zum Verhältnis Buchblogger – Buchhandel

Alle Buchblogger sind herzlich eingeladen (und gebeten), sich an dieser Umfrage zu beteiligen. Und wenn ihr Beispiele kennt oder Ideen habt, wie speziell Buchblogger den Buchhandel unterstützen könnten oder was ihr euch als Buchblogger von den Buchhandlungen wünschen würdet, freue ich mich über eure Kommentare. Mehrfache Antworten sind möglich und am Schluss gibt es einen Punkt, wo man eine eigene Antwort eintragen kann.

Umfrage abgelaufen