Buchhandel

Der Buchhandel und das E-Book – eine kühle Liebe?

Die Interviewreihe zum Thema Buchhandel, neue Wege und neue Herausforderungen geht weiter mit Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart Vaihingen. Unser Thema sollte eigentlich das E-Book sein, aber es hat sich gezeigt, dass Susanne und ihr Team ganz viele tolle Ideen umsetzen, deshalb gibt es das ausführliche Interview in zwei Teilen. Im ersten Teil dreht sich alles um das E-Book und im zweiten um all die anderen Angebote der Schiller Buchhandlung.

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Susanne Martin über Buchhandel & E-Book

Liebe Susanne, vielen Dank für dieses Interview. Ich habe dich auf Facebook aufgestöbert, als ich auf der Suche nach einem Gesprächspartner aus dem Buchhandel zum Thema E-Books war. Aber dann habe ich gleich noch ein paar andere höchst interessante Dinge auf deiner Webseite entdeckt, die ich auf jeden Fall auch noch zur Sprache bringen möchte. Das verspricht sehr vielseitig zu werden, denn du scheinst jede Menge Ideen zu haben. Ich habe mich auch gleich mal darüber gefreut, dass die Schiller Buchhandlung in Stuttgart-Vaihingen liegt, denn ich habe früher einmal viel Zeit in Stuttgart verbracht, auch in Vaihingen. Da kommt schon fast Heimatgefühl auf. Stell bitte deine Buchhandlung vor – wie lange gibt es sie schon, wie groß ist sie, gibt es thematische Schwerpunkte usw.

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Die Schiller Buchhandlung gibt es schon sehr lange, wie lange genau, weiß ich leider nicht.  Sie hieß früher Filderbuchhandlung. Mein Vorgänger hat sie 1986 übernommen und ich sie dann 1995 von ihm, zuvor habe ich dort 5 Jahre lang als Geschäftsführerin gearbeitet. Mit meiner Übernahme damals habe ich auch den Standort gewechselt und die Verkaufsfläche verdoppelt, sie liegt jetzt bei ca. 115 m².  Wir sind eine Stadtteilbuchhandlung und entsprechend sind auch unsere Warenschwerpunkte: Kinder- und Jugendbuch, Romane, Reiseführer, Sachbücher. Außerdem haben wir eine größere Auswahl an Regionalia.

Außer uns gibt es noch eine weitere Stadtteilbuchhandlung mit ähnlichem Profil, eine Universitätsbuchhandlung auf dem etwas außerhalb gelegenen Unicampus, eine religiöse Buchhandlung und eine Weltbildfiliale im nahegelegenen Einkaufszentrum. In den benachbarten Stadtteilen gibt es ebenfalls Buchhandlungen.

Wie bist du zum Buchhandel gekommen? Hat sich von deinen Anfängen bis heute viel verändert und was?

Es hört sich lustig an, war aber damals wirklich so: Ich war sauschlecht in der Schule und es war klar, dass ich das Abi nicht schaffen würde. Also sind meine Eltern mit mir zum Arbeitsamt, um sich beraten zu lassen. Und weil das Kind gerne las, wurde es halt der Buchhandel. Das war 1976 und ich war zu Beginn meiner Lehre knapp 18 Jahre alt.

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Ich habe also inzwischen über 40 Jahre Sortimentsbuchhandel auf dem Buckel und die Frage nach den Veränderungen würde Seiten füllen! Ich konzentriere mich deshalb auf die Zeit seit den 90er Jahren.  Da gab es zwei Entwicklungen, die den klassischen Buchhandel besonders erfasst haben: Der Vormarsch von Großbuchhandlungen wie Hugendubel, Thalia oder der Mayerschen, die den klassischen, inhabergeführten Buchhandel oft aus den Innenstädten verdrängten. Und dann die noch viel größere Veränderung: das Internet. Letzteres bietet allen Branchenbeteiligten große Chancen, aber es gibt natürlich auch große Risiken und in meinen Augen – man möge mir die subjektive Sichtweise verzeihen – ist der Sortimentsbuchhandel momentan der Branchenteilnehmer, der davon am härtesten betroffen ist.

Was ich in den letzten 10 – 15 Jahren ebenfalls beobachtet habe, ist, dass eine Branche, die bis dahin eigentlich erstaunlich fair miteinander umgegangen ist, inzwischen auch erfasst ist von zunehmenden Egoismen. Das Gefühl, dass wir eigentlich alle in einem Boot sitzen, hat sich verflüchtigt und das macht mich traurig.

Lass uns zu den E-Books kommen, und das mit einer simplen Frage: Wie kommen eine herkömmliche Buchhandlung und E-Books überhaupt zusammen? Auf den ersten Blick scheint das nicht gut möglich zu sein, nicht nur, was die Technik angeht, sondern auch im Vertrieb. Normale Bücher werden über Verlage und Großhändler an den Buchhandel geliefert  – aber E-Books …?

Natürlich können auch wir E-Books! Alle 3 Großhändler (KNV, Libri und Umbreit) bieten ihren KundInnen Lösungen an, E-Books sowohl im Laden als auch über ihre jeweiligen Webshops zu verkaufen. Unsere KundInnen können sich entweder die gewünschten E-Books über unseren Webshop, der uns von Libri zu Verfügung gestellt wird, herunterladen oder sie können bei uns im Laden stöbern und sich Bücher aussuchen. Alternativ können wir ihnen, soweit vorhanden, Leseproben im Internet zeigen. Aber das wird, glaube ich, gar nicht unbedingt gewünscht. Die KundInnen, die im Laden E-Books kaufen, wollen das Gefühl haben, stöbern zu können und nachher das Ausgesuchte als E-Book lesen. Alternativ kommen sie mit Listen und bestellen, oft weil sie ihre Bankdaten nicht ins Internet geben wollen oder auch deshalb, weil sie wollen, dass es uns trotz Digitalisierung weiterhin gibt.

Wir prüfen in der Libri-Datenbank, ob das Buch als E-Book lieferbar ist und schicken einen entsprechenden Link per E-Mail an das Postfach des/der KundIn. Die Beschiller5zahlung erfolgt bei Internetbestellungen auf den üblichen Wegen (PayPal, Kreditkarten, Bankeinzug), bei Käufen im Laden wird ganz normal an der Kasse bezahlt.

Voraussetzung ist natürlich, dass die KundInnen einen entsprechenden offenen Reader haben. Offen heißt in diesem Fall, dass das Gerät das epub-Format lesen können muss. KundInnen, die einen Kindle haben, müssen wir an amazon verweisen, denn amazon hat sein eigenes digitales Format, das nur dort erworben werden kann.

 

Wir sind über unseren Großhändler Libri Mitglied der Tolino-Allianz, und können unseren KundInnen jeweils die aktuellen Tolino-Modelle anbieten. Andere Buchhandlungen, die mit Umbreit oder KNV verbunden sind, bieten die Pocketbookreader an (ebenfalls im epub-Format). Mit beiden Readermarken kann auch die Onleihe der Stadtbibliotheken genutzt werden, was mit den Kindles nicht möglich ist.

Es herrscht natürlich ein Konkurrenzkampf zwischen den Readern des Buchhandels und den Kindles von amazon. Wer hat momentan die Nase vorn am Marktanteil?

Amazon hat die Nase noch leicht vorn. Im Zuge des Verkaufs von Tolino an Rakuten sprach das Kartellamt von einem Marktanteil in Deutschland für Tolino von 30 – 40 %, der von Kobo liegt unter 10%, für Pocketbook habe ich keine Zahlen.

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Wie wird das eBook-Angebot von deinen KundInnen angenommen? Bist zu zufrieden mit der Resonanz?

E-Books sind ein zu vernachlässigender Anteil an unserem Gesamtumsatz. Wenn ich die Umsätze im Laden und auf der Webseite zusammennehme, komme ich auf einen Anteil von maximal 2 %. Damit liegen wir vermutlich im Durchschnitt.

Sehr unbefriedigend sind leider die Konditionen: Bei Downloads von unserer Webseite bekommen wir sehr geringe Provisionen. Natürlich haben wir auch kaum Arbeit damit (außer, wenn der Download nicht klappt oder die KundInnen technische Probleme mit ihren Readern haben). Wenn man aber bedenkt, dass das Umsatz ist, der uns im Print zu deutlich besseren Konditionen wegfällt, ist die Situation eher unbefriedigend.

Insgesamt wird, glaube ich, unterschätzt, wie wichtig die Buchhandlung als „showroom“ sein kann. Viele KundInnen bekommen ihre Impulse im Laden. Aufmerksamkeit für ihre Titel im Netz zu bekommen, ist für Verlage ein großer Aufwand. Deshalb fände ich es wünschenswert, wenn zum einen über die Konditionen bei E-Books für Buchhandlungen nachgedacht würde und zum anderen darüber, wie E-Books in Buchhandlungen besser sichtbar gemacht werden könnten. Die Präsentation von E-Books im Laden ist nämlich wirklich schwierig. Das sind schließlich „nur“ Dateien – wie will man die visualisieren? Wir haben direkt an der Kasse ein Display mit den Tolino-Readern stehen, das nicht übersehen werden kann. Das ist unser Hinweis, dass man bei uns E-Books bekommen kann.

 Ich habe dich ja über die Gruppe „Buchhandel & E-Book“ gefunden. Welche Ideen gibt es da noch zu diesem Thema bzw. was ist die Absicht hinter der Gruppe? Es schien mir so zukunftsoffen, dass sich Buchhändler noch näher mit E-Books beschäftigen wollen. Bisher klingt es allerdings eher danach, als wäre das eBook-Business im Buchhandel mehr eine freundliche Nebenofferte als ein lohnender Ertragszweig.

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Da liegst du sicher nicht ganz falsch. Das E-Book-Geschäft ist, Stand jetzt, für Buchhandlungen nicht besonders attraktiv: Schlechte Provisionen, keine oder fast keine Marge beim Verkauf der Geräte und ein teilweise unglaublich hoher Beratungsbedarf im technischen Bereich, natürlich kostenfrei. Das macht wenig Spaß und motiviert nicht so besonders, sich in diesem Bereich intensiv zu engagieren! Aber viele Buchhandlungen betrachten das E-Book-Geschäft durchaus als notwendig und bieten es an, das finde ich wichtig. Ihr Herzblut geben die meisten allerdings sicher nach wie vor an den Verkauf der gedruckten Bücher! Sehr viele sind BuchhändlerIn geworden, weil sie es lieben, etwas über Inhalte zu erzählen und nicht, um sich mit den Fragen der W-LAN-Einstellungen bei den KundInnen, den Problemen mit dem Kopierschutz herumzuschlagen oder auf dem Laufenden zu bleiben, wie sich Änderungen in den diversen Mailprogrammen auf die Readersoftware auswirken …

Was die Gruppe anbelangt, ist sie in meinen Augen eine gute Möglichkeit, sich einerseits zu informieren und auszutauschen, manchmal bekommt man da auch sehr konkrete Hinweise und Hilfe bei Problemen.

Der Anteil der E-Books am Buchmarkt hat sich offenbar bei einer festen Prozentzahl eingependelt. Denkst du, das bleibt so, oder kann man da noch mal einen Boom erwarten?

An einen Boom glaube ich nicht, aber ich schätze, dass die Zahlen in den nächsten Jahren langsam, aber stetig steigen werden. Spannend wird, ob das auch in den kleineren Buchhandlungen zu spüren sein wird oder eher bei den großen Ketten.

Wie hältst du es persönlich? Liest du auch E-Books oder nur Literatur der Holzklasse?

Ich lese nach wie vor Print. Bisher konnte ich mich mit dem Lesen auf dem Reader leider nicht anfreunden, es passt nicht zu meiner Art, Bücher zu lesen. Aber ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr noch einmal einen Anlauf zu nehmen – aus demselben Grund wie viele meiner KundInnen: Die Bücherschränke quellen über……

Auf meiner Suche nach Möglichkeiten für den Buchhandel, mit den neuen Medien und Möglichkeiten umzugehen, stieß ich auf einen Artikel in der Zeit (http://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-05/self-publishing/seite-2), in dem u.a. steht, dass das E-Book-Geschäft, das ja eng mit Selfpublishing verbunden ist, hauptsächlich Amazon überlassen wird und die deutschen Buchhändler (oder Buchhandelsketten) dem nichts in Form eigener Plattformen entgegensetzen. Wie siehst du die Möglichkeiten im deutschen Buchhandel, so etwas anzugehen?

Dieser Artikel ist vom Vorsitzenden des Selfpublisherverbandes geschrieben. Klar, dass der seine Sicht auf die Dinge vermitteln will!

Das Thema Selfpublishing ist ein weites Feld, das man sehr differenziert betrachten muss – zu vielem, was in dem Artikel steht, habe ich eine andere Meinung. Ich möchte deshalb nur zu deiner Frage nach einer Plattform etwas sagen: Natürlich ist es richtig, dass amazon hier eine Vorreiterrolle spielt und in unserer Branche viel zu spät damit begonnen wurde, sich mit Lösungen zu beschäftigen; das gilt für den gesamten Bereich Digitalisierung und E-Commerce. Eine Branchenlösung, also eine Lösung, an der alle MarktteilnehmerInnen partizipieren können, wird es jedoch schon aus kartellrechtlichen Gründen kaum geben. Für Buchhandlungen unserer Größenordnung wird Selfpublishing mittelfristig sicher auch nicht zum Geschäftsmodell werden, denn unser Kundenkreis ist eher klein und regional eng begrenzt.

Ganz anders sieht es bei den großen Ketten aus, hier haben beispielsweise die Mayersche und Osiander Angebote in Kooperation mit dem Portal bookmundo (www.bookmundo.de) , das sich auf die Kooperation mit regionalen Buchhandlungen spezialisiert hat. Hier können Selfpublisher beispielsweise erwarten, dass ihre Bücher nicht nur in den Shops digital lieferbar sind, sondern auch in den Filialen der Partner gedruckt präsentiert werden. Das kann in meinen Augen eine sehr sinnvolle Ergänzung zu sonstigen Serviceleistungen sein.schiller-logo

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Anmerkung der Crimelady: Der erwähnte ZEIT-Artikel ist mittlerweile nicht mehr so ganz aktuell. Es gibt seit einem guten Jahr z.B. Tolino-Media, eine eigene E-Book-Plattform für Selfpublisher. Mit dem Thema Selfpublishing werde ich mich in naher Zukunft noch ausführlicher beschäftigen.

Umfrage zum Verhältnis Buchblogger – Buchhandel

Alle Buchblogger sind herzlich eingeladen (und gebeten), sich an dieser Umfrage zu beteiligen. Und wenn ihr Beispiele kennt oder Ideen habt, wie speziell Buchblogger den Buchhandel unterstützen könnten oder was ihr euch als Buchblogger von den Buchhandlungen wünschen würdet, freue ich mich über eure Kommentare. Mehrfache Antworten sind möglich und am Schluss gibt es einen Punkt, wo man eine eigene Antwort eintragen kann.

Umfrage abgelaufen