Kreativität

Originalität – eine heilige Kuh

Alle sind immer auf der Suche nach etwas Originellem. Schön verallgemeinert. 🙂 Vielleicht sollte ich mit einer Definition beginnen, denn es gibt so manche Predigt, die jeder anders versteht, weil sich der Prediger nicht die Mühe macht, seine Begriffe zu erklären. (Nicht, dass das hier eine Predigt werden soll …)

Originalität, etwas Originelles – das heißt, etwas Neues, noch nicht Dagewesen, etwas Einzigartiges, DAS Alleinstellungsmerkmal einer Sache, unheimlich beeindruckend, weil noch niemand vorher jemals daran gedacht hat.

Die Frage ist, gibt es das überhaupt? Eine Zeitlang war ich ziemlich bedrückt, weil ich dachte, egal, welche Ideen ich entwickle, was ich schreibe, mache, was ich denke – alles, einfach ALLES hat schon jemand vor mir gedacht, geschrieben, gemacht, und vermutlich nicht nur einer, sondern Hunderte, Tausende. Nun ist das echt deprimierend, wenn man sich damit beschäftigt, etwas zu erschaffen, kreativ zu sein, und hoffentlich etwas Originelles auf den Markt zu werfen, das es noch nicht gab. Ich muss hier einfach das bekannteste Zitat dazu loswerden, das existiert: Es gibt nichts Neues unter der Sonne! Und das sagte Salomo vor tausenden von Jahren. Wenn also schon damals alles abgegrast war, wie muss es dann heute sein …?

Mal abgesehen von technischem Fortschritt gibt es nichts Neues, was Ideen und Gedanken angeht. Es ist mir nicht nur einmal passiert, dass ich eine Story für einen Roman entwickelt habe, und dann hat jemand anderes genau dieselbe Geschichte vorher oder nachher herausgebracht. Mein Mann hat ständig Ideen für coole Erfindungen – die umgesetzten Entwicklungen tauchen dann ganz ohne ihn auf. Ich hab mich gefragt, wie andere Künstler mit dieser Misere umgehen. Ich dachte tatsächlich, dass ich es eigentlich gleich völlig sein lassen könnte, etwas zu erschaffen, weil es überhaupt keine Rolle spielt, was von mir kommt. Ob ich etwas schreibe oder nicht, sage oder nicht, denke oder nicht – es ist absolut gleichgültig, interessiert niemanden, macht null Unterschied.

Dann habe ich mir einige Werke näher angeschaut, die ich beeindruckend finde oder die absolute Bestseller wurden, weil sich alle darauf gestürzt haben, als wäre es etwas ABSOLUT NEUES – Bücher, Skulpturen usw. Ich nenne als ein Beispiel die Harry-Potter-Reihe. Dabei ging mir endlich ein Licht auf – nichts davon ist neu. Alles ist nur Kopie.

Die eigentliche Kunst liegt nicht darin, etwas völlig Neues zu erschaffen, sondern im individuellen Kopieren, im eigenen Zusammenfügen und Bearbeiten dessen, das schon existiert.

Ein Kunstwerk besteht aus Materialien und Formen, die es schon gibt, und vermutlich hat jemand anderes schon etwas ganz Ähnliches gemacht. Aber eben nicht genau das. Die Harry-Potter-Bücher bestehen aus einer der altbekannten englischen Internatsreihen (wie Dolly oder Hanni und Nanni – uralt!) und zaubernden Kindern, Fabelwesen, dem Konzept von Gut und Böse und ein paar lateinischen Wortverdrehungen. Alles schon längst da gewesen. Aber J.K. Rowling hat eben fleißig gemischt und etwas Tolles damit geschaffen (ich bin ein Fan  😉 ).

Die Aufgabe lautet nun nicht mehr Erschaffe etwas Neues!, sondern: Kopiere mit deiner individuellen Note! Das ist eine sehr erleichternde Erkenntnis.

Selbstverständlich heißt Kopieren nicht Abschreiben! Eine gewisse Eleganz ist erforderlich. Man muss seine Ideen schon noch selbst entwickeln, aber man braucht keine Angst zu haben, dass es das schon geben könnte. Plagiate sind schlecht! Kollegen beim Plagiieren zu ertappen, ist peinlich (so geschehen vor nicht allzu langer Zeit, im Fahrwasser des Erfolgs der Outlander-Reihe mischte jemand ebendiese mit dem alten Film „Ein Goldfisch fiel ins Wasser“ – ich konnte es nicht lesen, weil es so schrecklich war). Anspielungen und Hommagen dagegen sind charmant. Ach ja, wie so oft ist es eben ein dünner Grad und erfordert Feingefühl.

P.S.: Nichts von dem, was ich hier geschrieben habe, ist neu oder wurde noch nie gedacht. Es ist alles nur meine ganz eigene, persönliche, von mir interpretierte Kopie. 😉

 

Geheiligt sei die Kreativität!

Ich befinde mich in einer Krise. Eigentlich ist es eine gute Krise und ich vermute, jeder, der kreativ tätig ist, befindet sich ebenfalls in einer ständigen Krisenstimmung, mal mehr, mal weniger. Die Krise gehört zum Job, zur Berufung und ist Teil der Arbeitsausrüstung. Es geht um Kreativität und um Originalität, aber ich werde versuchen, das in zwei Artikel aufzuspalten, damit es nicht zu viel wird. Es wird öfter von WIRED die Rede sein, einem Magazin, das ich mir kürzlich aus zwei Gründen kaufte; einer davon war das Thema Kreativität, mit dem ich mich gerade viel beschäftige. Auch, wenn ich allgemein eigentlich eher enttäuscht von WIRED bin, konnte ich den Beiträgen zum Titelthema der letzten Ausgabe ein paar interessante Dinge entnehmen.

Meine Krise befasst sich damit, wo ich hinsteuern soll. Manches von dem, was ich bisher veröffentlicht habe, findet kaum Beachtung. Ich habe das einige Jahre beobachtet, mir Gedanken gemacht (viele! ständig!) und bin nun endlich an einem Scheidepunkt meines Weges (klingt schicksalsschwanger, nicht wahr?). Ignoriere ich den Erfolg/Misserfolg und schreibe einfach weiter, was ich möchte – also vorrangig für mich; Ideen habe ich ja viele – …? Oder schlage ich einen neuen Kurs ein und wenn ja, welchen?

In WIRED (erste Erwähnung!) fand ich ein kleines Interview zur Kreativität (es ging auch darum, dass mit dem Internet und all seinen Möglichkeiten praktisch jeder irgendwie kreativ ist). Dort sagte der Interviewte etwa Folgendes: Viele machen den Fehler, das zu produzieren, was ihnen selbst gefällt. Man muss sich entscheiden: Entweder ist es einem wichtig, sich selbst auszudrücken, also KUNST zu schaffen. Oder man bedient ein Publikum – sucht sich eine Zielgruppe, erschafft etwas für deren Themen und macht es dann dort bekannt. Genau das ist natürlich die Krise, in der sich Kreative befinden – mache ich das, was sich verkauft, oder das, was mir wichtig ist? Beides geht nicht oder wie? Oder nur, wenn man ganz viel Glück hat?

Diese Frage ist wirklich nicht leicht zu beantworten, vielleicht sogar unmöglich. Natürlich will ich mit meinen Büchern Geld verdienen. Aber ich liebe auch meine Ideen! Für den Moment habe ich viele dieser Ideen allerdings auf Eis gelegt, bis ich weiß, ob ich sie noch einmal hervorhole, irgendwann. Andererseits, was nützen einem Ideen, wenn sie sonst keinen interessieren? Jedoch – will ich mich wirklich so abhängig von der Meinung der Öffentlichkeit machen? Wie gesagt, es ist ein ewiges Dilemma, nicht zu lösen. Mir bleibt nur eine Pendelbewegung – mal in die eine Richtung gehen und ausprobieren, wie es sich dort anfühlt; dann in die andere Richtung und die testen. Nebenbei erwäge ich, mit meinem restlichen Leben noch etwas ganz anderes anzufangen. Nach zehn Jahren Schriftstellerei könnte das reizvoll sein; ich hab schließlich viele Talente und Interessen. Aber auch in dieser Ecke komme ich gerade nicht weiter, weil ich mir nicht einig werden kann, was um alles in der Welt ich tun sollte. Wenn man daran gewöhnt ist, selbständig zu arbeiten und kreativ zu sein, was könnte man denn noch finden, das besser wäre? Aber zurück zur Kreativität …

In WIRED (zweite Erwähnung) gab es vier Tipps, um kreativer zu sein:

1. Bleib (länger) wach.
2. Schreib Telefonnummern ab. Die Langeweile lässt dich auf ganz neue Ideen kommen. 😉
3. Sorge für einen unordentlichen oder chaotischen Arbeitsplatz!
4. Geh herum. Beweg deine Beine, drinnen oder draußen.

Ob’s hilft, muss wohl jeder selbst entscheiden. Ich bin eine (natürliche) Nachteule und lange aufbleiben fällt mir leicht, aber wenn ich müde bin, ist absolut nichts drin mit Kreativsein. Punkt 2 habe ich noch nicht ausprobiert. Punkt 3 stimmt in Maßen – zu viel Chaos auf meinem Arbeitstisch lenkt mich nur ab, weil ich ständig denke, dass ich aufräumen müsste. Punkt 4 ist wahrscheinlich in jeder Lebenslage hilfreich.

Was ich allerdings zwei weiteren Artikeln in WIRED (und Nr. 3) entnehmen konnte: Ob Künstler oder Kreativer (falls es überhaupt einen relevanten Unterschied gibt) – für echte Inspiration braucht man Ruhe. Die Inspiration kommt von innen, nicht von außen. Zu viel Lärm, zu viele Eindrücke lenken nur ab. Ideen und Anregungen kommen natürlich auch von außen, im Vorbeigehen nimmt man die mit, aber verwerten und etwas daraus machen, das geschieht im Stillen. Zurückziehen, Ablenkungen abschalten, die einsame Hütte am See oder im Wald aufsuchen, sich um nichts mehr kümmern – das sind typische Künstlerbedürfnisse im Schaffensprozess. Völlig normal also.

Um noch zu sagen, um welche Biegung mein Schreibweg gerade führt: Krimis haben gerade eine Ruhephase – abgesehen von dem, was ich hier auf dem Blog mache (z.B. Krimi-Dinner) und bei den Krimi-Grazien. Ich widme mich derzeit den Liebenromanen und möchte mich außerdem an einem weiteren Genre versuchen. Witzigerweise hatte ich ganz früher die Vorstellung, dass ich Liebesromanautorin werden würde. Aber dann kamen mir die Krimis dazwischen und ich habe das zehn Jahre lang verfolgt. Jetzt, wie gesagt, brauche ich eine Besinnungspause, aber niemand weiß, was kommen wird, nicht einmal ich.
Alles ist möglich – wie immer, darauf läuft es einfach immer hinaus. 😉