Montana

Linda allein unterwegs

Ein Brüllen zerriss unerwartet die gedämpfte Stille. Linda setzte sich vor Schreck in den Schnee. Der Braune stieg panisch und wieherte; sie musste den Zügel mit beiden Händen fest umklammern, um ihn am Davongaloppieren zu hindern. Sie kämpfte sich hoch und sah sich vorsichtig um. Was für ein Tier war das? Es hatte beängstigend nah geklungen, doch das konnte täuschen. Linda erstarrte, als sie erkannte, was auf sie zugestürmt kam. Ein riesengroßer Grizzlybär setzte durch den Schnee, hielt direkt auf sie zu, das Maul halb aufgerissen. Sie hatte keine Zeit, zu fliehen, sie musste handeln, jetzt!

Mit den Zähnen zog sie sich die Handschuhe aus und ließ sie in den Schnee fallen. Linda löste die Schnalle des Gewehrhalfters am Sattel und zog die Waffe heraus. Sie rutschte ihr aus den Händen, sie hob sie flugs wieder auf. Der Braune tänzelte unruhig neben ihr herum. Linda hielt den Zügel fest und entsicherte das Gewehr. Sie legte an, versuchte, den Bär ins Visier zu nehmen, obwohl das Pferd immer wieder an ihrem Arm ruckte. Als sie dachte, dass sie es nicht besser hinbekommen würde, drückte sie ab. Der Schuss knallte ohrenbetäubend, der Rückstoß verrenkte ihr fast die Schulter, weil sie keinen sicheren Stand fand, doch der Bär wurde langsamer. Hatte sie ihn getroffen? Sie wusste es nicht. Sie legte noch einmal an und schoss, und ein drittes Mal. Dieses Mal war sie sicher; auch wenn sie ihn nur gestreift hatte, der Bär reagierte. Er jaulte auf, wandte sich um und nahm Reißaus. Linda zitterte am ganzen Körper vor Erleichterung. Der Grizzly war so nah gewesen, sie meinte, ihn riechen zu können. Sie klopfte dem Braunen beruhigend den Hals und sicherte das Gewehr, ehe sie es ins Halfter zurücksteckte.

Der Bär musste auf der Suche nach Futter sein und das Pferd gewittert haben. Andrew hatte ihr erklärt, dass Grizzlybären im Winter meist schliefen, aber leicht aufwachten und dann umherstreiften, um ihren Hunger zu stillen. Den Weg zu den Bäumen würde sie jedenfalls nicht mehr nehmen, denn dorthin war der Grizzly geflohen. Sie machte kehrt und stapfte den Berg in die andere Richtung hinunter.

Ein fernes Grollen ließ sie aufhorchen. Der Braune spitzte die Ohren und wandte den Kopf, schnaubte, wurde unruhig. Das Grollen kam näher und näher, wurde immer lauter; sogar der Boden begann zu vibrieren. Linda blieb fast das Herz stehen, als ihr klar wurde, was auf sie zukam. Sie sprang förmlich in den Sattel, riss das Pferd mit den Zügeln herum und gab ihm die Sporen. Mit Galoppsprüngen pflügte der Braune durch den tiefen Schnee, auf die dichtstehenden Bäume zu. Linda hatte keine Ahnung, wo die Lawine verlaufen würde; der Wald war ihre einzige Hoffnung, halbwegs verschont zu werden.

Das Pferd kam nur langsam voran, obwohl es sich enorm anstrengte, größere Sprünge zu machen. Es versank mit jedem Schritt und musste sich wieder herausarbeiten. Linda trieb es weiter an. Nur jetzt nicht aufgeben. Das Tosen und Grollen wurde ohrenbetäubend, erste Felsbrocken kullerten an ihnen vorbei, gleich darauf konnte sie nicht mehr unterscheiden, woher der Schnee kam, ob von oben, von unten, vorn oder hinten – er kam von allen Seiten auf einmal, drang in jede Körperöffnung ein, riss dem Pferd die Beine weg. Linda schloss die Augen und klammerte sich am Sattel und den Zügeln fest.

aus:

WW2 zieht nach

WW ist meine interne Abkürzung für die Western-Women-Reihe. Klingt ja immer ein bissch nach Weltkrieg … Na ja, ist es aber nicht. Hier kommt nun also auch das zweite neue Cover, dieses Mal für Ein Sommer in Montana.  Ein Roman, der mir sehr gut gefällt. Emma, die hin- und hergerissen ist zwischen zwei Männern, der Frage nach der Zukunft ihrer Farm, den Sorgen um ein aufgenommenes Mädchen und dem atemraubenden Showdown am Schluss. Hach ja … 😀 Schade, dass man jede Geschichte immer nur einmal schreiben kann.

WW2-klein