Aufsätze sind auch verlockend

Olaf hört nur mit einem halben Ohr zu, während der Lehrer vorn etwas über den deutschen Dichter Goethe erzählt. Viel lieber würde er gerade mit Latif über ihre Pläne für den Detektivclub reden, der dank ihrer bisherigen Fälle allmählich bekannter wird. Ihre Webseite, die er selbst gestaltet, bekommt immer mehr Zugriffe und das versetzt ihn in Hochstimmung. Eigentlich hätte Olaf diese erfreuliche Tatsache schon vor dem Unterricht mit Latif und Wuschel besprechen wollen, aber ausgerechnet heute hatte seine Straßenbahn Verspätung und er kam erst auf den letzten Drücker ins Klassenzimmer. Die erste Stunde zieht sich schrecklich in die Länge – noch ganze zweiundzwanzig Minuten bis zur Pause und bis er seinen Freund und Mitdetektiv sprechen kann. Katharina, genannt Wuschel, wird er sogar erst später im Schulhof sehen.

Da Olaf in der letzten Reihe sitzt, kann er seine Klassenkameraden gut beobachten. Wenn ihm langweilig ist, macht er das sogar ganz gern. Es ist immer lehrreich, was die anderen so tun, oder doch wenigstens unterhaltsam. Gerade tuscheln Ivo und Mika miteinander und Mika zeigt seinem Freund etwas Lustiges auf seinem Handy, so auffällig, dass es sogar Herr Lorupp mitbekommt. „Schön, Ivo, welches ist Goethes bedeutendstes Werk?“ Olaf ist sicher, dass Ivo keine Ahnung hat, deshalb ist er sehr überrascht, als dieser „Faust“ sagt. Der Lehrer ist es ebenfalls. Mit einem Stirnrunzeln betrachtet er Ivo. „Wie viele Teile gibt es davon?“ „Zwei.“ „Und wann hat er die geschrieben?“ „Einen als junger Mann und einen als alter Mann.“ „Hmmm….“ Herr Lorupp wendet sich Mika zu. „Was ist der Werther-Effekt?“ Mika schaut erst unsicher, antwortet aber dann doch. „Der Name kommt von Goethes Roman Die Leiden des jungen Werthers. Darin nimmt sich der Held das Leben. Das haben nach dem Lesen einige echte Menschen nachgemacht.“

Olaf ist mindestens genauso verblüfft wie der Deutschlehrer. Auf diese echt schwierigen Fragen dürften Mika und Ivo eigentlich nur mit Ratlosigkeit reagieren, denn weder der eine noch der andere interessiert sich auch nur andeutungsweise für Literatur und beide sind auch sonst eher faul. Herr Lorupp lässt die Sache auf sich beruhen, doch Olaf fängt Latifs Blick auf. Latif teilt seine Einschätzung, dass die Sache sehr seltsam ist, denn er zieht fragend die Augenbrauen in die Höhe. Als nächstes bemerkt Olaf, dass Lena in der ersten Reihe praktisch vor Wut kocht und nur mit Mühe auf ihrem Platz sitzen bleiben kann.

Endlich treffen die Detektive vom W.O.L.F.-Detektivclub im Schulhof zusammen und Olaf erzählt auch Wuschel vom Webseitenerfolg, während sie ihre Ratte Freddy an ihrem Brot knabbern lässt. Wenn sie das nur ließe. Latif und Olaf müssen sich ständig so vor sie stellen, dass die anderen Schüler oder die Lehrer nichts davon mitbekommen. Als plötzlich jemand ganz nah bei ihnen auftaucht, erschrickt sich Wuschel auch prompt und lässt um ein Haar ihr Haustier fallen. Es ist Lena, die noch immer zornig aussieht.

„Ihr seid doch dieser Detektivclub“, sagt sie und Latif nickt zur Bestätigung. „Ich will, dass ihr einen Fall löst.“
„Okay, immer langsam“, erwidert Wuschel und steckt Freddy in ihre Jackentasche. „Erzähl uns erst mal, worum es geht, und dann entscheiden wir, ob wir die Sache übernehmen.“
„Es geht um Ivo und Mika und die Deutschstunde. Es dürfte allen klar sein, dass die beiden totale Loser sind.“ Lena sieht sie nacheinander finster an und Olaf fühlt sich verpflichtet zu nicken, obwohl er ihre Wortwahl nicht sehr nett findet. „Irgendwie sind sie an meinen Aufsatz gekommen, an dem ich drei Tage lang gearbeitet habe.“
Latif sieht sie erschrocken an. „Wir sollten einen Aufsatz schreiben?“
„Nein, eigentlich nicht. Aber ich schreibe oft Aufsätze, um die Fakten zu einem Thema zusammenzutragen, und meistens gebe ich sie den Lehrern. Das beeindruckt sie. Ich bin ja nicht umsonst die Klassenbeste!“
Wuschel starrt Lena ungläubig an. Olaf kann auch nicht verstehen, wieso Lena so versessen auf diese Fleißarbeit ist, dabei ist er selbst einer der besten in der Klasse.
Lena stemmt die Fäuste in die Seiten. „Irgendjemand klaut meine Aufsätze und verteilt sie an solche Doofköpfe wie diese beiden. Das war heute nicht das erste Mal. Ich merke es immer dann, wenn jemand plötzlich etwas weiß, das er gar nicht wissen kann. Schon seit drei Wochen geht das so. Die Aufsätze werden nicht geklaut, denn sie sind immer noch bei meinen Sachen, aber irgendwie werden sie kopiert und weitergegeben. Ich möchte wissen, wer dafür verantwortlich ist. Könnt ihr das herausfinden?“

Die drei Detektive sehen sich an, Wuschel zuckt mit den Achseln, Olaf nickt und Latif meint: „Mal sehen.“
„Also: Ja“, fügt Wuschel hinzu. „Sag uns noch, wer sich in der Sache verdächtig gemacht hat.“
„Auf jeden Fall Mika und Ivo, denn die beiden sind mir schon öfter aufgefallen. Außerdem Merle, Lasse und Tarina.“ Keiner dieser fünf gehört zu den leistungsstarken Schülern.
„Besteht die Möglichkeit, dass jemand an deine Dateien zuhause kommt?“, fragt Olaf.
„Auf keinen Fall. Ich bin sicher, dass alles hier in der Schule geschieht. Einmal fand ich einen Fettfleck auf einem Aufsatz, den ich mir nicht erklären konnte. Später wurde mir klar, dass jemand anderes als ich die Blätter in der Hand gehabt haben musste. Ich bin sehr sorgfältig mit meinen Schulsachen.“ Lena reckt das Kinn in die Höhe. „Gebt mir Bescheid, sobald ihr etwas wisst.“ Ohne einen weiteren Kommentar dreht sich Lena um und geht weg.
„Ein richtiger Sonnenschein“, murmelt Wuschel, sobald ihre neue Klientin außer Hörweite ist. „Wie gehen wir die Sache denn an?“
„Wir könnten eine Falle stellen“, schlägt Latif vor. „Einen Lock-Aufsatz in Lenas Tasche packen, dafür sorgen, dass bekannt wird, dass sie ihn hat, und dann die Tasche überwachen.“
„Stelle ich mir schwierig vor, denn wir wissen nicht, wann es geschieht“, wirft Olaf ein. „In den Pausen werden wir aus dem Klassenzimmer gescheucht und können die Tasche nicht im Auge behalten. Und technische Ausrüstung, die wir für eine Überwachung nutzen könnten, haben wir nicht.“
„Dann bleibt uns wohl nur eins“, erklärt Wuschel. Olaf und Latif sehen sie fragend an. „Na, Verhöre natürlich! Wir verhören die Verdächtigen unauffällig und hoffen, dass sich jemand verrät.“
„Und ich tippe darauf, dass das Tatwerkzeug ein Handy ist“, fügt Olaf hinzu. „Fotos sind schnell gemacht und verschickt.“
„Alles klar, dann an die Arbeit.“ Latif grinst begeistert.

Die Befragungen müssen Latif und Olaf ohne Wuschel durchführen, da sie ja in eine andere Klasse geht. Am späten Nachmittag treffen sie sich in ihrem Clubhaus, um Wuschel zu berichten. Olaf fängt an.
„Ich habe mit Ivo und Merle geredet. Ivo hat immerhin zugegeben, dass er Lenas Aufsätze auf dem Handy hat und manchmal benutzt, aber er sagt, er habe sie von Lasse bekommen. Und Merle hat alles geleugnet, aber dann behauptet, wenn sie überhaupt jemals so etwas tun würde, dann nur, weil Tarina sie dazu anstiftet. Sie sei ihrem schlechten Einfluss hilflos ausgeliefert.“ Er verdreht kurz die Augen.
Latif fährt fort. „Mir blieben Lasse, Tarina und Mika. Es war ganz schön mühsam, aber um es kurz zu machen: Lasse schob die Schuld auf Mika, Tarina auf Ivo und Mika schwört, dass er kein Handy hat, weil ihm seine Eltern keins erlauben.“
„Ein klarer Fall von jeder beschuldigt jeden“, erwidert Wuschel mit einem Stirnrunzeln. „Das ist alles nicht sehr hilfreich.“
Die drei versinken einige Augenblicke in grübelndes Schweigen. Olaf geht etwas nicht aus dem Sinn, das Latif berichtet hat.
„Oh“, ruft er plötzlich, „jetzt weiß ich, wer es war! Einer hat gelogen!“

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